CREATING ALTERNATIVES
From Scratchpad
Ein Projekt von Theater of Empowerment
Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI [2007-2009]
PROJEKTZYKLUS zum Thema “MIGRATION&INTEGRATION“
PROJEKT THEATER STUDIO phase 2: Theater der Partizipation & Emanzipation mit Texten von Orhan Pamuk (TR, „Istanbul“, 2006, „Schnee“ 2005) & Antonio C. Camilo (Philippinen/Auftragswerk)
© Konzept : Eva Brenner, 15. Januar 2007
Siehe auch: http://scratchpad.wikia.com/wiki/Theater_of_Empowerment
- Künstlerische Leitung: Eva Brenner (A/USA), Andreas Pamperl (A)
- Obmann des Vereins PROJEKT THEATER: Peter Kreisky (A/AK Wien)
- Kernteam: Angélica Castelló (MEX), Corinne Eckenstein (CH),Birgit C. Krammer (A/CH, Schauspiel), Clemens Matzka (A), Maren Rahmann (D),Sybille Starkbaum (A, Schauspiel, Choreographie), Uta Wagner (B/D), YAP Sun Sun (SGP),
- Assoziiertes Team: Nuray Ammicht (A/TR/Kuratorin „migration mondays“), Monika Anzelini(A, PR&Pressearbeit), Marton Baksai (A/H, Assistenz), Rainer Berson (D, Grafik, Fotografie),Katka Csanyiova (SK, Assistenz), Naemi Handler (A, Assistenz), Steffi Hofer (D,Stimmtraining), Jella Jost (A, Schauspiel/Musik), Serena Laker (A, Assistenz), Stefan Lirsch (A, Schauspiel), Jakub Palacz (PL, Schauspiel), Agnieszka Salomon (PL, Schauspiel), Alexander Schlögl (A, Webdesign), Christiane Schnell (A, Assistenz),Oliver Sowa (A, PC-Systeme), Judit Wlaschitz (H, Buchhaltung)
Laufende Projekte seit 2004 werden unterstützt von: Kulturamt der Stadt Wien – Theater/Interkulturelle und Internationale Aktivitäten, VZA- Jugend– und Kulturzentrum in Meidling, Stadt Wien-Geschäftsgruppe für Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz und Personal, Bezirksvorstehungen 7., 8. & 16. Bezirk, BKA Kunst, Copyshop Nowak, Peter Fuchs Direct Marketing, Gasthaus Adlerhof, Café Espresso, Restaurant LUX, Ragnarhof, Theaterverein daskunst, privaten Sponsoren.
„CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI
„Bei der Neukodifizierung des gesamten Fremden- und Staatsbürgerschaftsrechts seit 2005 überwiegt ein restriktiver Zugang, insbesondere durch die Einschränkung der Neuzuwanderung und der Einschränkungen beim Zugang zum sicheren Niederlassungsstatus. Der generelle Scheineheverdacht bei Hochzeiten von ÖsterreicherInnen mit Drittstaatsangehörigen, die verlängerten Wartefristen, die erhöhten Kosten für die Einbürgerung sowie die Ermöglichung der Abschiebung von im Land geborenen und aufgewachsenen Angehörigen der „Zweiten Generation“ zeigen deutlich, dass Zuwanderung nunmehr vor allem unter dem Aspekt der Gefährdung der inneren Sicherheit gesehen wird und EinwanderInnen nicht besonders willkommen sind.“ - Bernhard Perchinig, Einwanderungsund Integrationspolitik,In: Emmerich Talos (Hg.) Fünf Jahre Schwarz-Blau. Eine Bilanz des „Neu-Regieren“. Münster (Litt-Verlag), Juni 2006 „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI
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[edit] INHALT
Seite
I. Neue Theorie & Praxis 5 2. EXKURS: WAS IST „ EMPOWERMENT“? 8 3. Rückblick: „NICE TO MEAT YOU!“ - Szenen im Zeitalter von TERROR&COOLNESS (2004-2006) „migration mondays “ & „FLEISCHEREI_mobil“ 11 4. Das Thema „Migration&Integration“ 16 5. „5. Thematischer Schwerpunkt: Türkei & Ost-Asien 18 6. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2008], Projektbeschreibung: Soziotheatrale Pilotprojekte 22 7. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2008] Arbeitsformate & Methoden 26 8. Arbeitsphasen Mitte 2007 – Mitte 2008 30 A) Programm Herbst 2007 30 B) Programm Frühjahr 2008 33 9. Texte & Biografie: Orhan Pamuk 37 10. Theorien & Metatexte 39 10.a „Neue Arbeit Neue Kultur“, Frithjof Bergmann (2004) 39 10.b „Geschenkökonomie“, Geneviève Vaughan (1997) 41 11. Der Raum als „soziotheatrale Plastik“ 43 12. Forschung&Entwicklung: Plädoyer für eine neue Studie über soziotheatrale Arbeitsmodelle 46
ADDENDUM
1. Arbeitsmethoden & Theorien – Kurzübersicht 2. Künstlerisches Team FLEISCHEREI & Biografien 3. Biografie Orhan Pamuk - Zu Person & Werk 4. Biografie Camilo C. Antonio 5. Textbeispiel Antonio C. Camilo 6. Konzept FLEISCHEREI_mobil - Frühjahr 2007 7. FLEISCHEREI_mobil – Rückblick 2006 8. Das VZA: Jugend– und Kulturzentrum in Meidling 9. Manifest FLEISCHEREI 2006 „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 5
[edit] 1. Neue Theorie & Praxis
“CREATING ALTERNATIVES” ist ein Projekt von „THEATER OF EMPOWERMENT“, das seit 2006 Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI [2007-2009] betreibt. Eine Serie von Pilotprojekte in 5 Arbeitsformaten zum Thema „Migration&Integration“ verstehen sich als Beitrag zur Entwicklung neuer soziotheatraler Arbeitsmodelle in Wien, die aufbauen auf Methoden aus dem Kanon des experimentellen Theaters international sowie angewandter Kunst-theoretischer und –pädagogischer Strategien der letzten 30 Jahre (z.B. „Theater der Unterdrückten“, „Armes Theater“, Improtheater, Viewpoints-Arbeit). „[Wir brauchen] ein neues Denken und Handeln als experimentelle Utopie.“ - Heide Göttner- Abendroth, Für die Musen In Antwort auf die Globalisierung – und resultierende Prozesse der Prekarisierung von Arbeit mit wachsendem Sozial- und Demokratieabbau – setzt das seit 2004 kontinuierlich etablierte künstlerische Team der FLEISCHEREI auf Erforschung und Entwicklung soziotheatraler Arbeitsmodelle im öffentlichen Raum. Interdisziplinärer KünstlerInnen entwerfen interaktive und site-spezifische Theaterprojekte, die zum Diskurs und zur aktiven Partizipation einladen. Der programmatische Fokus liegt auf der Schritt weisen Kristallisation neuer Formen autonomer „Kunst-Arbeit“ (s. Frithjof Bergmann „Neue Arbeit Neue Kultur“, 2004), die basieren auf alternativen Theatertechniken der Partizipation und, einer dezidiert lokalen Verankerung, und der Entwicklung interaktiver Modelle der Zusammenarbeit mit Kunst-verwandten gesellschaftspolitischen Vereinen, NGOs und Organisationen. Das erklärte Ziel ist ein kulturelles und gesellschaftspolitisches „Empowerment“ von KünstlerInnen und Publikum, die im Zuge neoliberaler Kulturpolitik zunehmend (wenn auch zu unterschiedlichen Graden) an Mitspracherecht über Formen, Inhalten und Verbreitung zeitgenössischer Kunstproduktion verloren haben. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI
Die FLEISCHEREI ist ein ehemaliger Kolonialwarenladen aus der vorvorletzten Jahrhundertwende mit großen Auslagen zur Strasse mitten im 7. Wiener Gemeindebezirk. Hier wird in den letzten 3 Jahren erfolgreich experimentiert mit soziotheatrale orientierten Formen eines erweiterten Theaterbegriffs, die Grundsteine legt für neue sozial- und kulturpolitische Allianzen und Kooperationen jenseits des auch im Kunstbetrieb allgegenwärtigen Elite-, Konsum- und Konkurrenzprinzips. Avantgardistische Theaterarbeit bewegt sich aus den Ghettos der Studios und Hinterhöfe auf die Strasse und wirbt um die Einbindung neuer Publikumsschichten über den Dialog mit (sozio)kulturellen Organisationen, Gewerbetreibenden und neuen sozialen Bewegungen im „Grätzel“. Dies stellt nicht zuletzt einen Protest gegen den wachsenden Verlust kulturpolitischer wie demokratischer Freiräume – und damit einher gehenden Gefährdung künstlerischer Autonomie - dar. Innovative Vermittlungsmethoden werden neu verknüpft mit soziotheatralen Arbeitsformaten, die sich besonders an gesellschaftlich ausgegrenzte Zielgruppen wie MigrantInnen, ältere Menschen oder Arbeitslose - als neue Partizipanten wendet. Sie erschließen neue Zugänge zu bewährten Traditionen des politischen experimentellen Theaters des 20. Jahrhunderts und beziehen neuere soziologisch, pädagogisch und therapeutisch fundierte Ansätze mit ein (z.B. „Neue Arbeit Neue Kultur“, „Open Space“-Technologien, Patriachatskritische Subsistenzforschung und Theorien der Geschenkökonomie, systemische Strukturaufstellungen), die sich für soziotheatrale Arbeit eignen. Strategien des aus dem US-amerikanischen Kontext bekannten „Community buildings“ folgend wird in der FLEISCHEREI die Umkehrung des üblichen Verhältnisses Theater-Realität getestet: während im traditionellen Theaterkontext Realitätspartikel in eine „Handlung“ gepresst werden, will die soziotheatrale Aktion kollektive Alltagsrituale (z.B. Hochzeiten, Begräbnis, Tanzschule) mit künstlerischen Interventionen neu füllen und rekontextualisieren. Durch die aktive Repolitisierung von Kunst, KünstlerInnen und Publikum soll ein neues „Theater of Empowerment“ geschaffen werden, ein Theater das ein neues Denken und Handeln im Sinne zivilgesellschaftlicher „Ermächtigung“ begünstigt und zugleich seine Funktion als notwendiges „Lebensmittel“ aller wiedergewinnt.
Fernziel ist ein neu zu schaffendes „Volkstheater“ mit kommunaler Verankerung, das sich neuen Schnittstellen zwischen Kunst und Leben verdankt und die - in Projekten der Hochkultur deutlich wachsenden - Trennlinien, zwischen Konsument und Produzent durchbricht. Neue Kooperationen mit dem „Grätzl“ resultieren u.a. auch in der theatralen Besetzung und sozialen Belebung geografischer „Leeerstellen“ im Bezirk (die zunehmende Anzahl leer stehender Geschäftslokale verändert das Stadtbild). Elitären Kunstbegriffen etablierter Kultur, die in geschützten „Kunsttempeln“ unter Ausschluss der Mehrzahl von Menschen zelebriert werden, werden egalitäre Konzepte „Neuer Kunst-Arbeit“ im Sinne von „Empowerment“ entgegengesetzt. Sie münden in der Kardinalfrage: kann ein zeitgenössisches Theater, das sich auf der Höhe der Zeit befindet, gesellschaftskritisch und populär zugleich sein – ohne den Anspruch auf formal-ästhetische Gestaltungsprinzipien (dasl Erbe der Avantgarden des 20. Jahrhunderts) zu veräußern? Denn eines steht fest: Das soziotheatrale Experiment ist und bleibt experimentelles Theater! „Der berühmte und so fest gedachte Faden ist zerrissen: Ariadne ist verlassen worden, ehe man es glauben mochte. Und die ganze Geschichte des abendländischen Denkens ist neu zu schreiben.“ - Michel Foucault
[edit] 2. EXKURS: WAS IST „ EMPOWERMENT“?
Mitwirkungsmöglichkeit bzw. „Empowerment „ bezeichnet Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, das Maß an Selbstbestimmung und Autonomie im Leben der Menschen zu erhöhen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Belange (wieder) eigenmächtig, selbst verantwortet und selbst bestimmt zu vertreten und zu gestalten. „Empowerment“ bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Wörtlich aus dem Englischen übersetzt bedeutet „Empowerment“ Ermächtigung oder Bevollmächtigung. Im Deutschen wird „Empowerment“ gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet. Der Begriff „Empowerment „ entstammt der amerikanischen Gemeindepsychologie und wird mit dem Sozialwissenschaftler Julian Rappaport (1985) in Verbindung gebracht. „Empowerment“ bildet in der Sozialpädagogik/psycho-sozialen Arbeit einen Arbeitsansatz ressourcenorientierter Intervention. Im Umfeld kultur-politischer Bildung und demokratischer Erziehung wird „Empowerment“ als Instrument betrachtet, die Mündigkeit von BürgerInnen zu erhöhen. Es ist auch ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um die Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements. „Empowerment“ als Strategie, die sich durch eine Abwendung von einer defizitorientierten hin zu einer stärkenorientierten Wahrnehmung auszeichnet, findet sich zunehmend auch in Managementkonzepten, in der Erwachsenen- und Weiterbildung, in der narrativen Biografiearbeit, der Selbsthilfe und der genreübergreifenden Kulturarbeit! „Empowerment“ als soziale Arbeit Das Konzept des „Empowerment“ stellt dem in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit noch immer verbreiteten defizitären Blickwinkel auf ein mit Mängel behaftetes Klientel eine Ausrichtung auf die Potenziale und Ressourcen der Menschen gegenüber.
Im Vordergrund dieses Ansatzes steht die Stärkung (noch) vorhandener Potenziale und die Ermutigung zum Ausbau dieser Möglichkeiten. „Empowerment“ im sozialpädagogischen und soziokulturellen Handlungsfeld versucht also Menschen bei der (Rück)Gewinnung ihrer Entscheidungs- und Wahlfreiheit, ihrer autonomen Lebensgestaltung zu unterstützen und sie zur Weiterentwicklung zu motivieren. Soweit es sich um die Arbeit mit z.B. alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankten handelt, soll der Prozess des „Empowerment“ zu einem höchst möglichen Maß an Autonomie führen, d.h. die Betroffenen motivieren, über erlebte und selbst gesetzte Grenzen hinauszugehen. „Soziokulturelle Animation“ bezeichnet die gestalterische Beschäftigung mit bedürftigen Menschen bzw. Zielgruppen in soziokulturellen Projekten. Dabei ist die Arbeit mit Einzelnen oder in Gruppen möglich. Sie wird gewöhnlich durch speziell dafür ausgebildete Soziale Arbeiter, zunehmend auch von KünstlerInnen, Kulturarbeiterinnen und ExpertInnen angrenzender pädagogischer wie therapeutischer Disziplinen, ausgeführt. Einzelne Menschen werden miteinander sozial und kulturell verbunden und gleichzeitig, bzw. dadurch, gemeinsame Aktivitäten im Hinblick auf individuelle Interessen und Anlagen organisiert und gefördert. In besonderer Weise wird das Individuum berücksichtigt; dessen Persönlichkeit und Zugehörigkeitsgefühl gestärkt. Ein zentraler Schwerpunkt wird auf soziokulturelle Aspekte gelegt, deren Entwicklungen in Spezialprojekten beobachtet, professionell begleitet und gestärkt werden. (Siehe u.a.: Norbert Herriger, Empowerment in der sozialen Arbeit, 2002, oder: Thomas Haug: "Das spielt (k)eine Rolle!" Theater der Befreiung nach Augusto Boal als Empowerment- Werkzeug im Kontext von Selbsthilfe, Stuttgart 2005. Haug betrachtet die Verbindung des Theaters von Boal mit der Selbsthilfe-Idee und dem Empowerment-Konzept, bietet eine Theoriediskussion, Methodenbeschreibung und konkrete Praxisanregung für die Soziale und Soziokulturelle Arbeit an.)
Forderungen für ein „Theater of Empowerment“: • Neubesinnung auf Grundwerte (sozial)demokratischer Kulturpolitik - d.h. Beharren auf kritischen Pluralismus • Bekenntnis zum Theater der Aufklärung, der Emanzipation und Partizipation • Theater für die 95-99% der Bevölkerung, die nicht (mehr) ins Theater gehen • Erhaltung kultureller Vielfalt und autonom gewachsener Strukturen Wiens • Ende des Kulturkampfes zwischen globalen Strategien der Standortpolitik • Transparente Förderungsmodalitäten und pluralistische Beiräte mit sowohl ideologischer wie auch kulturtheoretischer bzw. künstlerischer Kompetenz • Interkulturelle Mittelvergabe, gemäß veränderter demografischer Realitäten • Verlassen der Elfenbeintürme und Eroberung des öffentlichen Raums • Überwindung von zynischem Zeitgeisttheater, entpolitisierter Performancekunst und elitärer event-Kultur • Das Ende der Entwurzelung lokaler Künstler und Gruppen durch die rein Konsum-orientierte Festivalisierung von Kunst & • Verweigerung neoliberaler Rationalisierung, Monopolisierung und Hierarchisierung in Kunst, Wissenschaft und Kultur nach Maximen von Sport und Wirtschaft (Ranking Gewinner/Verlierer) • Förderung von Nachwuchs durch gezielte Fort- und Weiterbildung, • Förderung von Theorie und Diskurs in der Kultur- und Kunstszene • Erhaltung freier Meinungsäußerung in einer pluralistischen Presse- und Medienlandschaft • Entwicklung soziotheatraler Arbeitsformate, die spontan und schnell auf Veränderungen der Gesellschaft zu reagieren imstande sind • Schaffung einer neuen Form von „Volkstheater“ ! „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI
[edit] 3. Rückblick:
- „NICE TO MEAT YOU!“ - Szenen im Zeitalter von TERROR&COOLNESS (2004-Mitte 2006)
• „migration mondays : KITCHEN STORIES“ &„FLEISCHEREI_mobil“ 2006
Der erste Projektzyklus in der FLEISCHEREI - „NICE TO MEAT YOU! – Szenen im Zeitalter von TERROR&COOLNESS“ (2004-Mitte 2006) - beschäftigte sich mit Globalisierung und Neoliberalismus und seinen Folgen auf zwischenmenschliche Beziehungen. Bekannten österreichische AutorInnen wie petschinka, Margit Hahn und Marlene Streeruwitz wurden mit Auftragswerken betraut, die sich auf je eigene poetische Weise der komplexen Problematik anzunähern suchten. Die zeitgenössischen AutorInnen stellten den gesellschaftlichen Umgang mit (dem) „Anderen“ und den sich rapide wandelnden Demokratiebegriff zur Diskussion. Sie setzten sich mit persönlichen Erlebnisse der Globalisierung, mit Mobbing am Arbeitsplatz, Gewalt und Erfahrungen von Fremd-Sein auseinander und artikulierten Alternativen zu Ausgrenzungstendenzen im Wien nach 2001. (Förderungen für die Uraufführungstexte kamen jeweils vom BKA-Kunst/Abteilung Literatur). Die interkulturelle Praxis eines „erweiterten Theaterbegriffs“ befruchtete die Zusammenarbeit mit den AutorInnen, wobei die Stücktexte im engen Dialog mit dem künstlerischen Team der FLEISCHEREI entstanden. Interdisziplinäre KünstlerInnen aus 10 Ländern, die daran arbeiteten, den neuen Raum zu füllen und Texte so kritisch und unkonventionell wie möglich, d.h. jenseits abgehobener Konzeptionen künstlerischer Avantgarden im Diskurs mit einem Publikum betroffener Zielgruppen (Frauen, AktivistInnen, VertreterInnen sozialpolitischer NGOs) umzusetzen. Das erste Experiment der FLEISCHEREI präsentierte eine theatrale Prozession mit dem Titel „FLEISCH_Rezitation“ entlang der Burggasse mit Szenen im Gasthaus „Alderhof“, in leeren Schaufenstern und Geschäftslokalen mit Beiträgen zu den Themen „Globalisierung“, „Polizeigewalt“ und „Mobbing am Arbeitsplatz“, gefolgt von einem brisanten „Orientalismus“-Projekt mit Texten von Else Lasker-Schüler und Marlene Streeruwitz (2005). Höhepunkt dieser Testphase war Ende 2005 das 240- stündige Heiner Müller-Happening „HERZ.stücke - 10 Tage 10 Nächte non-stop wohnen&arbeiten in der FLEISCHEREI“ (2005) mit Performance, Musik, Kochen, Schlafen, Workshops & Diskussion zum 10. Todestag von Heiner Müller, das über 1000 Menschen aller Altersgruppen, sozialer und ethnischer Provenienz anzog. Zentraler methodischer Baustein auf der Suche nach neuen soziotheatralen Formaten war die Etablierung der wöchentlichen Kultserie „MÜLLERs mondays“ (2006), die seit Anfang 2006 jeden Montag Abend in der FLEISCHEREI stattffand. Ensemble-Mitglieder und KünstlerInnen der freien Szene improvisierten nach ausgewählten Müllertexten mit dem Publikum, lasen, musizierten oder diskutieren über aktuelle kulturpolitische Themen. Das gemeinsame Suppekochen, Essen und Trinken trug wesentlich zum soziokulturellen Erlebnis bei. Dieses Produktionsformat wurde im Herbst 2006 in Form von Cooking-Shows zum Thema „Migration&Integration“ unter dem Titel „migration mondays : KITCHEN STORIES“ fortgesetzt. Im Herbst 2006 begann die Testphase für zwei der neuen Arbeitsformate in der FLEISCHEREI und an „Außenstellen“ unter Mitwirkung prominenter migrantischer NGOs (Asyl in Not, Ehe Ohne Grenzen, SOS-Mitmensch) und in Kooperation mit der lokalen Wirtschaft des 7. und 8. Bezirks. Das Arbeitsformat 1 „migration mondays : KITCHEN STORIES“ wurde kuratiert von der jungen Theaterwissenschaftlerin Christiane Schnell (A) und erweiterte die bereits etablierte Kultuserie inhaltlich und formal: KünstlerInnen der FLEISCHEREI führten als GastgeberInnen durch 9 Montag Abende, kochten eine typische Speise ihres Herkunftslandes und erzählten dabei Geschichten ihrer Flucht/ihres Exils.
Der „Migration“ der Menschen wurde die „Migration“ (Nahrungskette) des verwendeten Grundnahrungsmittels gegenübergestellt. Eine chorische Lesung aus Elfriede Jelineks Stück „Das Werk“ (2002) mit dem Publikum und das gemeinsame Essen und Trinken beschlossen das Programm. Jelineks Text stellte ein in der 2. österreichischen Republik weitgehend verdrängtes Trauma zur Diskussion - beim Bau des Kraftwerks Kaprun kamen ungezählte ausländische Zwangsarbeiter ums Leben - und lieferte die historische Perspektive. Das „Pay as you wish“-Prinzip forcierte die Öffnung der FLEISCHEREI für prekarisierte Menschen im Bezirk und trug dazu bei, dass jeden Montag an die 40 Menschen in der FLEISCHEREI zusammen kamen. Die Shows wurden dokumentiert und permanent über 10 Monitore aus den Schaufenstern der FLEISCHEREI n den Stadtraum ausgestrahlt.
Das Arbeitsformat 2 FLEISCHEREI_mobil stellte unter dem Titel „HELP YOURSELF, MARRY ME!“ zwei erste Versuche soziotheatraler Hochzeitsrituale im 7. und 8. Bezirk vor – ein gelungenes Experiment, das 2007 fortgesetzt wird (s. unten).
Die junge Schauspielerin und Sängerin Sun Sun YAP (SING) ein hochkarätig besetztes Hochzeitsritual mit asiatischen und österreichischen KünstlerInnen im Restaurant LUX (Spittelberg, 1070 Wien). Das Restaurant kochte für die interkulturelle Hochzeit ein acht-gängiges chinesisches Menü, das gemeinsam mit Schauspielern serviert wurde und stellte den event live auf seine Website. Yap brachte die sozialen, politischen und kulturellen Konflikte binationaler Ehepaare unter Mitwirkung von VertreterInnen der Organisationen Asyl in Not, Ehe ohne Grenzen in kollektiven Tanz-, Musik- und Theaterszenen zum Ausdruck. Charles Ofoedu (NG) - österreichisches PEN-Mitglied, Essayist, Buch- und Theaterautor - inszenierte eine binationale Hochzeit auf Basis seines neuen Stücks „marriage on a rope“ zwischen einem knapp 25jährigen Schwarzafrikaner und einer 70jährigen weißen Frau im multikulturellen „Café Pause“ in der Lerchenfelderstrasse (1080 Wien), die das Thema. „Mischehen“ bzw. „Scheinehen“ kritisch beleuchtete. Seine Performance arbeitet mit Mitteln der Komödie, der Satire und Persiflage, um aktuelle sozio-politische Probleme auf die Spitze zu treiben. Neben den SchauspielerInnen agierte das Publikum als „Hochzeitsgäste“ und brachte unterschiedliche Positionen im Kräftespiel von Migration und Integration ins Spiel. Auf Basis von Improvisationen, realen Biografien und erzählter Geschichte entstanden theatrale Szenen mit literarischen Texten, die mit dem Publikum in „real time“ weiter entwickelt wurden. Lustvoll wurden stereotype Konflikte von MigrantInnen verschiedener Herkünfte und Traditionen aufgegriffen und Einblick in ihre schwierige Lebenssituation gegeben. Das Ensemble bestand jeweils aus SchauspielerInnen der FLEISCHEREI, MigrantInnen, und GastkünstlerInnen. Während Yap eigene Texte des Ensembles und Textzitate von Elfriede Jelinek und Magda Wotizuck verwendete, schreib Ofoedu ein neues Stück auf Basis der Gespräche mit den Schauspielern („Marriage on a rope“ wird demnächst publiziert).
Unter die geladenen „Hochzeitsgäste“ mischten sich neben den Schauspieler auch das Stammpublikum der zwei Lokale sowie PassantInnen. Die Hochzeitsgäste waren aktiv ins Geschehen einbezogen, eine „Hochzeitsspende“ galt als Eintritt. Das Arbeitsformat 3 „Performance on wheels“ zeigte 3 Gastspiele befreundeter KünstlerInnen in der FLEISCHEREI, welche die Auseinandersetzungen mit dem Thema „Migration&Integration“ vertieften und neue Aspekte soziotheatraler, partizipatorischer und „site-spezifischer“ Theaterpraxis zur Diskussion zu stellten:
1. „Auf diesem dunkelnden Stern“, Solo-Performance von Maren Rahmann (D) nach Texten von Ingeborg Bachmann (4. - 6. Oktober 2006), montierte einen Querschnitt aus dem Werk zu einer neuen Sicht auf die Autorin, die dem Mythos vom Scheitern den aktiven Widerstand entgegensetzt. Verwendet wurden Gedichte, Auszüge aus Reden, Essays und dem Roman „Malina“.
2. Die international angefragte Performance „man(n) wird mensch“ der Brüder Philipp und Stefan Lirsch (A) zeigte eine provokant-kritsche Dekonstruktion gängiger Rollenklischees und Selbstbilder vom Mann-Sein anhand eigener Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Männerforschung - von Autos, Fußball und Computern über Frauen, Arbeit, Spaß und Wettkampf bis zu Alkohol, Sex und Fernsehen... (1. & 2. Dezember 2006)
3. Jella Jost gastierte mit der Uraufführung ihres Literatur & Chanson-Abend „Gesang aus dem Exil“ an drei Montagen im Dezember (4., 11. & 18. 12. 2006 – ein musikalisch-melancholischer Performance Abend zu im Exil verfassten Wiener Liedern und Texten des österreichischen Komponisten Fritz Kalmar, der in Montevideo lebt.
Das Arbeitsformat 4 „PerformanceDiskurs, Workshops & Training” begann mit einer vierteiligen Serie im September 2006 zum Thema „Gleiche Rechte statt Integration!“, Diskussionsveranstaltungen zum Thema „Migration&Partizipation“ mit MigrantInnen und ExpertInnen bekannter NGOs aus Wien, von Asyl in Not und SOSMitmensch bis zu GewerkschaftsvertreterInnen (siehe www.experimentaltheater.com)
„Die Demokratie existiert nur dann wirklich, wenn alle, die die Gemeinschaft ausmachen, ihre innersten Wünsche frei und kollektiv, in der Autonomie ihrer persönlichen Sehnsüchte und in der Solidarität ihrer Koexistenz mit anderen, äußern können und wenn es ihnen gelingt, das, was sie als individuelle und kollektiven Sinn ihres Daseins erkennen, in Institutionen und Gesetze zu verwandeln.“ - Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt, 2002
„Was ist Volkstheater? - Es gibt zwei Theaterperspektiven. Theater ist für das Volk, wenn es die Welt aus der Perspektive des Volkes sieht, das heißt, in unaufhörlichem Wandle begriffen, mit allen Widersprüchen und der Bewegung dieser Widersprüche, wenn es die Wege zur Befreiung des Menschen zeigt. Diese Perspektive macht deutlich, dass Menschen , die durch Arbeit, Gewohnheiten, Traditionen versklavt wurden, ihre Situation ändern können. Diese Veränderung gilt es voranzutreiben.“ - Augusto Boal, „Theater der Unterdrückten, 1979
„Jeder kann schauspielen. Jeder kann improvisieren. Jeder, der den Wunsch verspürt, kann Theater spielen und lernen, ‚bühnenreif’ zu werden. Wir lernen durch Erfahrung und Erleben. Niemand bringt einem anderen etwas bei.“ - Viola Spolin, Improvisationstechniken, 1963/2005
[edit] 4. Das Thema „Migration&Integration“
„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ - Rosa Luxemburg
Sozial und politisch stellt die Problematik der neuen „Völkerwanderungen“ und die Asylgesetzgebung europäischer Länder eine der großen Herausforderungen der Gegenwart dar. Die Dichotomien von „Gleichheit“ und/oder „Integration“ von ZuwanderInnen – wobei der Begriff „Integration“ oft dem Herrschaftsprinzip der „Assimilierung“ folgt - wird auch die Zukunft des weiteren europäischen Vereinigungsprozesses wesentlich mitbestimmen.
Die Frage ist: wird es gelingen, die von den Peripherien in die „Festung Europa“ drängenden Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihren Ländern vertrieben werden, aufzunehmen und zu menschlichen Konditionen zu „integrieren“ ohne ihre Identitäten auszulöschen? Oder wird sich Europa zunehmend auf einen regressiven und repressiven Nationalismus zurückziehen, kulturell abschotten und zu einer Insel der Eliten werden, die sich gezwungen sieht, ihre Privilegien mit undemokratischen, d.h. autoritären und/oder militärischen Mitteln zu schützen? Menschliche Körper und kulturelle Identitäten stellen in unseren marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften reines „Material“ für die Produktion und profit-orientierte Marketingstrategien dar. „Natur“ und „Kultur“ werden als endlos und durch Maschinen und Medien unerschöpflich bearbeitbar betrachtet. Der sich verschärfende Demokratieabbau, die soziale Demontage und Entsolidarisierung sind begleitet von kultureller Verarmung, Grenzziehung und Diskriminierung gegenüber Menschen anderer Hautfarben, Identitäten und Kulturen. Kulturell gesehen ist die zentrale Aufgabe der Zukunft die Herausbildung von erhöhter Akzeptanz des/der „Anderen“, d.h. einer heterogenen und interkulturellern Gesellschaft im erweiterten „Haus Europa“, wobei vorhandene Differenzen toleriert und als Bereicherung empfunden werden sollten.
Migration ist tatsächlich ein globales Problem. ... „Die bisherigen Bestrebungen der österreichischen Regierungen im Umgang mit Einwanderung waren nicht auf Willkommen ausgerichtet, sondern deutlich von der Ambivalenz geprägt, Arbeitskräfte zu benötigen, ohne aber neue Bürger ins Land aufnehmen zu wollen. Um ja nicht in den Verdacht zu geraten, ein Einwanderungsland zu sein - auch wenn Österreich seit langem ein solches ist (der Anteil der im Ausland geborenen Wohnbevölkerung liegt über 10 Prozent) – hat man de bisherige Integrationspolitik nie unter dem Aspekt von Menschenrechten wie auch rechtlicher und sozialer Gleichstellung betrachtet.“ - „Down by Law-Integration als Drohung?”, Elisabeth Ebner, Max Koch, Österreichische Liga für Menschenrechte, Nr. 1, Okt. 2003
„„Von den weltweit gezählten 191 Millionen Migranten – soviel wie nie – sind 95 Millionen Frauen. Sie alle, die ihr Land verlassen haben auf der Suche nach einem besseren Auskommen, sind jetzt als ein globaler Wirtschaftsfaktor für die Entwicklungsländer anerkannt worden. [...] Es sind schon lange nicht mehr nur die irregulären Einwanderer, die über den Rio Grande in die USA kommen, oder die angeblichen Asylantenstürme auf die ‚Festung Europa’. Migration ist tatsächlich ein globales Problem. ... Neben schlichter Ausbeutung ist der Menschenhandel noch immer nicht unterbunden, werden Frauen massenweise in die Prostitution gezwungen, sind Migranten überall rechtlicher Willkür ausgeliefert.“ - Frankfurter Rundschau, 7. September 2006, Thema des Tages (aus dem UNWeltbevölkerungsbericht 2006)
[edit] 5. Thematischer Schwerpunkt: Türkei & Ost-Asien
Der Fokus 2007 der FLEISCHEREI auf Probleme der Migration aus der Türkei und aus Ostasien stellt einen Schritt-für-Schritt Entwicklungsprozess der Gruppe dar, die, seit Jahren ur Hälfte aus ausländischen, z. T. migrantischen Künstlerinnen besteht. die zunehmend die inhaltliche und ästhetische Programmatik mitbestimmen. In den Theaterprojekten der letzten Jahre waren künstlerische MitarbeiterInnen aus 14 Ländern – von Singapur bis Türkei, von Irak bis Mexiko – beteiligt und haben in wachsendem Ausmaß Spielplan, Stückauswahl und Dramaturgie geprägt. Diese interkulturelle Praxis wurde vom Publikum explizit gewürdigt und immer wieder angemerkt, dass wir „viel zu wenig von den Kulturen derjenigen Menschen, die mit und zwischen uns leben, wissen“. Dabei ist von zentraler Bedeutung die kritische Auseinandersetzung mit Fundamentalismen und Vorurteilen jeglicher Art und deren Reflex auf kultureller Konzepte und Praktiken. Problemzone und Angelpunkt kultureller Kontroversen war immer wieder die Rolle der Türkei, die sich in Befragungen über einen möglichen EU- Beitritt äußert, vor allem nach dem 11. September 2001, als die USA offiziell den „Krieg gegen den Terror“ gegen eine sog. „Achse des Bösen“ ausriefen.
Von kultur/politischer Brisanz ist die Frontstellung zwischen einer positiv besetzten „abendländischen“ Kultur und (Übernahmetendenzen) einer fundamentalistisch orientierten „orientalischen“ Kultur, die das kulturelle Klima in Österreich nachhaltig beeinflusst. Selbst VertreterInnen liberaler Gesellschaftsschichten äußern sich heute offen kritisch über „die Türken“ und „ die Muslime“ - ein Umstand, der umso mehr Besorgnis erregt, als TürkInnen seit über 40 Jahren friedlich in diesem Land leben! Zugleich häufen sich Übergriffe auf verbaler und physischer Ebene auf sog. „AusländerInnen“, bei gleichzeitigem Mangel an soziokulturellen Austauschprojekten, die die verschiedenen Bevölkerungsgruppen einander näher bringen würde. Andererseits existiert ein zunehmendes Problembewußtsein von politischer Seite, das sich in Wien u.a. in der Schaffung eines eigenen Ressorts für „Integration“ spiegelt (für das Jahr 2007 wurde sogar die Verdoppelung des Budgets für Integrationsmaßnahmen ankündigt, von bisher € 3,9 Millionen auf € 7,7 Millionen (siehe RK/Rathauskorrespondenz vom 21. 11. 2006).
Von Interesse für die theatrale Beschäftigung sind neben der Anzahl KünstlerInnen mit Migrationshintergrund im Ensemble folgende Gegensatzpaare: 1. die TürkInnen stellen eine große und kulturell wichtige, die OstasiatInnen als kleine und wenig benachteiligte MigrantInnengruppe dar, 2. differente Vorurteile prägen das Gefüge des gesellschaftlichen Umgangs mit diesen Gruppen, so dass beinahe von einem Antagonismus gesprochen werden kann: z.B. gelten TürkInnen landläufig als „faul“ und „aggressiv“, „AsiatInnen“ hingegen als „fleißig“ und „friedliebend“. Grundsätzlich beherrschen jedoch diffuse Ängste aller Art das Feld, die je anderen Ausprägungen folgen. Während von Türken als Angehörige eines potentiellen EULand wenig wirtschaftliche Stärkung erwartet wird, gilt China bzw. Ostasien als Wirtschaftsraum der Zukunft! In Österreich sind laut Umfragen derzeit 5% für einen EU-Beitritt der Türkei - der europaweit niedrigste Prozentsatz! Diesbezüglich titelt die „Wiener Zeitung“ kürzlich: „Das wird nichts mit den Türken“ und fährt fort: „Obwohl das Papier, den Brüsseler Usancen entsprechend, "Fortschrittsbericht" heißen wird, wäre "Rückschrittsbericht" der treffendere Titel für jenes EU-Gutachten, das die augenblickliche Beitrittsreife (und die Entwicklung dorthin) der Türkei zum Gegenstand hat … in der Türkei werde nach wie vor gefoltert, mangle es an Minderheitenschutz, fehle es an ausreichender Unabhängigkeit der Justiz und werde nach wie vor mit Haft bedroht, wer von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch macht … Die EU verhandelt also ganz offenkundig mit einem Land, dessen laizistische Verfassung – trotz der angeblichen Annäherung an Europa – ganz offensichtlich immer mehr unter Druck fundamentalistischer Muslime gerät.“ (Christian Ortner, 4. November 2006) Wichtig für die zeitgenössische Theaterarbeit und eine verstärkten Diskurs mit dem Publikum wird die Frage sein, welche kulturellen Konsequenzen diese Stimmungslage in Österreich – und auch die menschenrechts- und demokratiegefährdenden Tendenzen in der Türkei – haben. Von Bedeutung ist auch, wie die Kulturszene - und das Theater als soziales und dialogisches Medium - darauf reagiert und welche Strategien und Taktiken entwickelt werden, um diesen Trend umzukehren. Speziell der neue soziotheatraler Ansatz der FLEISCHEREI, der sich aktiv auf die Migrationshintergründe beteiligter KünstlerInnen stützt, „oral histories“ von und mit MigrantInnen recherchiert und den laufenden Projekten zugrunde legt, ist geeignet, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Vor allem die aktive Partizipation des Publikums trägt zum Abbau von Vorurteilen bei und schafft neue Formen der (persönlichen, kultur/politischen) Begegnung von In- und AusländerInnen im intimen Rahmen.
Im Zusammenhang mit der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte sind seit Beginn der 60er Jahre türkische Staatsbürger nach Österreich zugewandert. Türkische, türkisch-kurdische und anderen aus der Türkei stammende Minderheiten sind unter den Spitzenreitern der Migration. Nach Angaben der letzten Volkszählung (VZ 2001) haben 16,4 % der WienerInnen nicht die österreichische Staatsbürgerschaft. MigrantInnen sind gegenüber der einheimischen Bevölkerung in vielen Lebensbereichen von Benachteiligungen betroffen. Diese reichen von einer Einschränkung der wohnungsbedingten und beruflichen Mobilität bis zu reduzierten Bildungsniveaus, sozialer Position, Lebensqualität und Beteilung am Kulturleben. Trotz deutlicher Fortschritte in der Wiener Integrationspolitik und migrantischen Lebensverhältnissen allgemein besteht für türkische MigrantInnen nach wie vor eine Mangelversorgung an Freizeiteinrichtungen in der unmittelbaren Wohnumgebung. Der Integrationsforscher Bernhard Perchinig von der Akademie der Wissenschaften empfiehlt verantwortlichen PolitikerInnen ein entschiedenes Handeln im sozialen, kulturellen und Freizeit-Bereich. Hingewiesen wird besonders auf die prekäre Situation älterer MigrantInnen, vor allem jener aus der Türkei, und eine konsequente Armutsprävention unabhängig von der Staatsbürgerschaft gefordert. Konstatiert wird die „Kumulation von Problemlagen“ aufgrund unterdurchschnittlicher Wohnversorgung, schlechtem Einkommen, fehlender Bildung und kultureller Einbindung, die besonders türkische MigrantInnen der 1. und 2. Generation betreffen. Notwendige Gegenmaßnahmen umfassen eine verbesserte Sicherung der Existenz und ausreichende Gesundheitsvorsorge, bessere Freizeit- und Kultureinrichtungen sowie verstärkte Lern- und Weiter/Bildungschancen. „Unter den insgesamt 138 Herkunftsländern war laut Statistik Austria die Türkei mit 9.562 Eingebürgerten (27 Prozent) absoluter Spitzenreiter. Laut Statistik 2006 sind die zahlenmäßig zweitgrößte MigrantInnengruppe mit einem Anteil von 15,2% an der ausländischen Wohnbevölkerung in Wien Staatsangehörige aus der Türkei. Die stärkste Gruppe der Ausländer bildet nach wie vor die in der Statistik als "Ex-Jugoslawen" bezeichnete. Im Jänner 2006 waren es 145.273. Auch afrikanische und asiatische Staaten spielen als Herkunftsgebiete für MigrantInnen in Wien eine wichtige. Am 15. Mai 2001 bei der letzten Volkszählung (VZ) 1.550.123 Personen ihren Hauptwohnsitz in Wien. Wien ist das österreichische Bundesland mit den meisten im Ausland geborenen EinwohnerInnen (23,6%), 12,9% in der Türkei. Mit diesen 12,5% im Ausland geborenen Personen liegt Österreich im internationalen Vergleich etwas vor den Vereinigten Staaten von Amerika (11,1%). Wie stark ausdifferenziert die Wiener Wohnbevölkerung ist, zeigt sich auch daran, dass nur rund drei von vier BewohnerInnen der Stadt ausschließlich Deutsch als Umgangssprache angegeben haben“. (siehe u.a. : http://www.migranten.at/)
Über eine Viertel der Wiener Wohnbevölkerung spricht auch eine andere Umgangssprache als Deutsch… Auch das prägt die österreichische Kultur…
„War die Migrations- und Integrationspolitik des Kabinetts Schüssel I vor allem von einer Fortsetzung der von der Großen Koalition ererbten Paradigmen, der Ausweitung der Saisonbeschäftigung und einer weitgehend symbolischen Politik in Hinblick auf verpflichtenden Spracherwerb charakterisiert, ist die Politik des Kabinetts Schüssel II durch eine deutlich restriktivere Handschrift gekennzeichnet. Bei der Neukodifizierung des gesamten Fremdenund Staatsbürgerschaftsrechts seit 2005 überwiegt ein restriktiver Zugang, insbesondere durch die Einschränkung der Neuzuwanderung und der Einschränkungen beim Zugang zum sicheren Niederlassungsstatus. Der generelle Scheineheverdacht bei Hochzeiten von ÖsterreicherInnen mit Drittstaatsangehörigen, die verlängerten Wartefristen, die erhöhten Kosten für die Einbürgerung sowie die Ermöglichung der Abschiebung von im Land geborenen und aufgewachsenen Angehörigen der „Zweiten Generation“ zeigen deutlich, dass Zuwanderung nunmehr vor allem unter dem Aspekt der Gefährdung der inneren Sicherheit gesehen wird und EinwanderInnen nicht besonders willkommen sind. Verbesserungen in der Stellung der MigrantInnen beruhten in den letzten fünf Jahren fast ausschließlich auf EUrechtlichen Vorgaben. Auch die engagierten Ansätze in manchen Bundesländern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Migrationspolitik des Bundes heute vor allem sicherheitspolitische Züge trägt und Integration im Sinne einer rechtlichen und faktischen Gleichstellung von EinwanderInnen kein vorrangiges politisches Ziel der Bundesregierung ist.“ - Bernhard Perchinig, Einwanderungs- und Integrationspolitik, In: Emmerich Talos (Hg.) Fünf Jahre Schwarz-Blau. Eine Bilanz des „Neu-Regieren“. Münster (Litt-Verlag), Juni 2006 “Integration bedeutet Eingliederung ein eine Gesellschaft. Meint man damit Assimilation muss man eine genaue Vorstellung von den Werten, der Kultur und Lebensweise haben, die als ‚normal’ gelten. … entgegen der Vorstellung vieler ist Österreich ein Einwanderungsland: 12,5 Prozent der Bevölkerung wurden laut Volkszählung 2001 im Ausland geboren. - Corinna Milborn, „Echte Wiener“, in: LIGA, Zeitschrift der Österreichischen Liga für Menschenrechte, Nr. 1, Oktober 2003, S. 27-28 „Das Gegenteil von Integration ist erzwungene Rückwanderung oder Segregation, also die strikte Trennung zwischen Einheimischen und Einwanderern. Ob Integration auch Assimilation bedeutet, hängt vom Selbstverständnis der Aufnahmegesellschaft ab. Wenn sie sich als geschlossene und homogene Kulturgemeinschaft begreift, können Einwanderer nur dazugehören, wenn sie sich kulturell völlig anpassen. Wenn das Einwanderungsland dagegen eine pluralistische Demokratie ist, erfolgt Integration vor allem über gemeinsame und gleiche Rechte, einschließlich der Freiheit, die eigene Sprache zu sprechen oder die eigene Religion zu praktizieren.“ Rainer Bauböck, „Gewaltiges demokratisches Defizit, In: LIGA; ebd., S. 33
[edit] 6. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2008]
Projektbeschreibung: Soziotheatrale Pilotprojekte in der FLEISCHEREI & im öffentlichen Raum
„CREATING ALTERNATIVES“ (2007-2009] ist ein soziotheatraler Projektzyklus zum Thema „Migration&Integration&Partizipation“, der die Voraussetzungen aktueller Völkerwanderungen in Europa erforscht, ihre Folgen in Frage stellt und kreative Alternativen zu formulieren sucht. 2007-2008 präsentiert die FLEISCHEREI drei neue Arbeitsformate mit interkulturellen Gästen aus Wien, der Türkei und Ländern Ostasiens: 1. die thematische und formale Verdichtung der „migration mondays“, 2. die Kreation der neuen Serie „migration music“ - interkulturelle Konzerte neuer Musik mit internationalen Musikensembles und PerformerInnen der FLEISCHEREI, und 3. die neue soziotheatrale Serie „Split Identities“ - eine tragik-komische Doku-Soap an ausgewählten Orten des 7. und 8. Bezirks mit asiatischen MigrantInnen in Wien.
Das Arbeitsformat 5, Diskussionsplattform „PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation“ wird mit ExpertInnen zum Thema „Migration&Integration“ fortgesetzt und ergänzt von einer neu etablierten „TheaterWerkstatt“ zum Thema „Türkei“ und „Singapur und Philippinen“, welche die „migration mondays“ mit türkischen und asiatischen MigrantInnen begleitet.
Das Konzept schließt an die globalisierungskritischen Brückenprojekte 2004- 2006 unter dem Titel „NICE TO MEAT YOU! – Szenen im Zeitalter von TERROR & COOLNESS“ an; dennoch markiert es einen Kurswechsel. Es setzt einen weiteren wichtigen Schritt hin zu einer Verschränkung theatraler und sozialer Aktivitäten.
Aufbauend auf die Ergebnisse von 2006, die seit Juni über 700 Menschen diverser Herkünfte, Kulturen und Altersgruppen anzogen, wird die Entwicklung neuer soziotheatraler Arbeitsformate verstärkt und die Räume der FLEISCHEREI in einer 2. Ausbaustufe revitalisiert, um die attraktiven Kellergewölbe nutzbar zu machen.
[edit] Programm Frühjahr 2007
Arbeitsformat 1: “migration mondays : KITCHEN STORIES“ [10-17] Interaktive Cooking-Shows mit biografischen Erzählungen türkischer MigrantInnen der 1., 2. & 3. Generation in Wien Kuratorin&Moderatorin: Nuray Ammicht (A/TR) Zeit: jeden Montag ab 19 Uhr, pay as you wish Ort: FLEISCHEREI & im öffentlichen Raum
Im Frühjahr 2007 setzt die FLEISCHEREI die Kultserie „migration mondays
- KITCHEN STORIES“ mit einer 3. Staffel wöchentlicher Open House Events fort. Seit
Juni 2006 kamen über 600 Besucherinnen zu bisher 10 theatralen „Cooking Shows“ mit KünstlerInnen und MigrantInnen aus 15 Ländern in die FLEISCHEREI. Ab Februar 2007 begrüßt nun die österreichisch-türkische Künstlerin Nuray Ammicht als Kuratorin und Moderation zahlreiche Gäste aus den Bereichen Kunst, Politik, Wirtschaft, Soziale Bewegungen und NOGs. Sie führt entweder selbst durch die Abende oder kuratiert GastmoderatorInnen, die sich selbst künstlerisch ins Spiel bringen und das Publikum aktiv mit einbeziehen. Türkische MIgrantInnen der 1., 2. und 3. Generation in Wien kochen typische Speisen ihres Herkunftsortes und erzählen gleichzeitig Geschichten ihres Exils/ihrer Flucht und ihrer Lebensweisen in Wien (Mitglieder der Mehrheit wie auch von Minderheiten wie Kurden, Armenier, Aleviten) . Die Erzählungen thematisieren die Rolle der Türkei im aktuellen kultur/politischen Diskurs Europas; neben kulturtheoretischen Fragen wird der Alltag türkischer MigrantInnen in Wien erfahrbar über authentische Musik - von türkischer Klassik bis Pop - und traditionelle Bräuche und Rituale (z.B. Brautwerbung oder „Hennanacht“). Am Ende steht das gemeinsame Essen und Trinken bei freiem Eintritt. Die Shows werden auf Video aufgezeichnet und permanent auf 10 Videomonitoren in den Auslagen der FLEISCHEREI ausgestrahlt. „Seit ich denken kann, ist diese Stadt von Armut gekennzeichnet, von Untröstlichkeit über den Verfall des Reiches, von der Melancholie, die von den Überresten aus großer Zeit ausgeht. So bin ich seit jeher damit beschäftigt, diese Melancholie zu bekämpfen, oder mich dann doch, wie alle Istanbuler, ihr endlich hinzugeben.“ – Istanbul, Orhan Pamuk, S. 13
Mit dem Schwerpunkt Türkei und türkische Migration erfährt das Arbeitsformat eine wesentliche inhaltliche und künstlerische Konzentration und Verteifung. Theatrale Interventionen aus der neuen „TheaterWerkstatt“ zum Thema „Türkei“ ergänzen die Cooking-Shows, wobei das Ensemble eine Szenenfolgen nach Texten des autobiografischen Romans „Istanbul“ (2003/2006) von Orhan Pamuk (*1952), Literaturnobelpreisträger 2006, erarbeitet. Die strukturieren den Ablauf und geben Impulse für den Dialog mit dem Publikum über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Türkei in einer erweiteten EU. Das Theaterensemble des VZA unter der Regie von Emel Heinreich (A/TR) zeigt Ausschnitte aus der Probenarbeit: junge TürkInnen der 2. & 3. Generation erarbeiten ein theatrales „Hochzeitritual“ zum Thema Zwangsheirat, das im März 2007 uraufgeführt wird. „Vorurteile sind nach wie vor eine der Hauptursachen vieler Probleme, gerade dort wo verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Ein kleiner, alltäglicher Fehler, den Menschen machen mögen, kann zur kollektiven Verurteilung eines ganzen Volkes führen, obwohl man in Wirklichkeit so gut wie nichts über dieses weiß. Seit mehreren Jahrzehnten leben MitbürgerInnen türkischer Herkunft in Wien. Sie gründen Familien, beteiligen sich am Wirtschaftsleben, sind politisch und künstlerisch aktiv, leben zum Teil fast schon in eigenen „Vierteln“…. Wie gut kennen wir sie? Was wissen wir über die Türkei und ihre Menschen? Was kennen wir von der türkischen Kultur, außer den herkömmlichen Klischees - den Kebab oder den Bauchtanz?“ – Nuray Ammicht
[edit] Programm „migration mondays : KITCHEN STORIES“ Frühjahr 2007
[edit] Februar 2007
- 19. Feb. Dr. Haydar Sari (SPÖ), Leiter des Referats „Interkulturelle und
internationale Aktivitäten“ im Kulturamt der Stadt Wien; Absolvent der Universität Wien, Studienrichtung Politologie und Soziologie
- 26. Feb. Gesichter einer Stadt: „Istanbul“ stellt sich vor! Diskussion und Kochen mit Überraschungsgästen, türkische Lieder, Lesung, Performance.
[edit] März 2007
- 05. März Nahide Kohlhofer, Büroangestellte
- 12. März Mag.art. Sinan Gültekin, Akademie der Bildenden Künste, Wien
- 19. März Sevim Gedik, Kindergartenpädagogin & Erziehungsberater
- 26. März Semsi Sümbültepe, Kaufmann - Pergast Lebensmittelgrosshandel
[edit] April 2007
- 2. April: Mag. Hakan Yavas, Clown, Schauspieler und Regisseur
- 16. April: Dernière & Ausblick – Gäste der 7 „migration mondays“ und Mitglieder
von Integrationsinitiativen sind zu einer Abschlussdiskussion mit Fest geladen.
Biografie Nuray Karabay – Ammicht (A/TR) Sängerin, Schauspielerin, Pädagogin. Geb. in Ankara, Türkei. Ab 1982 Theaterstudium in Ankara sowie Bewegungsimprovisation, Schauspieltätigkeit und Gesangsausbildung an der Musikhochschule Ankara. Ab 1991 Stipendium an der Musikhochschule in Wien. Seit 1998 verschiedene Engagements - u.a. Wiener Neue Oper, Wiener Kammeroper, Sommerfestspiele in Bad Ischl; Mitwirkung an einem Romaprojekt in Graz, Theaterbrücke und Interkulttheater. Unternehmens- und Improtheater. Derzeit Unterrichtstätigkeit am Vienna Konservatorium. ´ Für die Saison Mitte 2008 – 2009 ist die geografische und personelle Ausweitung der 4 soziotheatralen Arbeitsformate in Planung mit Schwerpunktsetzung „Asiatische MigrantInnen in Wien“.
2009-2010 folgt dann ein Schwerpunkt auf Afrika (Nigeria, Kenya) und Mittel-Amerika (Mexiko, Kuba, Nikaragua). Projekte für Jugendliche werden neu entwickelt, sie sich besonders an ausgewählte Zielgruppen - Jugendliche, ältere Menschen, Arbeitslose, AktivistInnen, MigrantInnen - im Bezirk und benachbarter Bezirke weden, in dem Versuch, die „Gläserne Grenze“ des Gürtel zu sprengen. Für die Realisierung werden neue PartnerInnen und Sponsoren – von den Bezirksvorstehungen bis zur lokalen Wirtschaft – gewonnen und aktiv eingebunden. Als Künstlerische LeiterInnen und KuratorInnen sind u.a. Charles Ofoedu (NG), Nana Gyan- Ackwonu (Ghana/A) und Angélica Castelló (MEX) vorgesehen.
[edit] 7. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2008]
Arbeitsformate & Methoden Die 4 Arbeitsformate haben folgende Ziele: Werkstattcharakter, Offenheit, Präsenz, Prozessorientierung, Kontinuität, Partizipation, Nachbarschaftlichkeit, Nachhaltigkeit!
1- „migration mondays : KITCHEN STORIES“ – theatrale Cooking-Shows mit KünstlerInnen und MigrantInnen diverser Herkünfte, jeden Montag Abend bei freiem Eintritt, Ort: FLEISCHEREI, Ziel: Theater ohne Barrieren, offener Austausch, Partizipation, soziale Präsenz und künstlerische Kontinuität 2- „FLEISCHEREI_mobil“ in drei Arbeitsphasen über 2 Jahre: 2.a. seit Oktober 2006: „HELP YOURSELF; MARRY ME!“ - theatrale Hochzeiten als soziotheatrale Rituale im öffentlichen Raum des 7., 8., 15. & 16. Bezirks (Gasthäuser, Restaurants, Ladenlokale), Ort: „Außenstellen“ der FLEISCHEREI, 3 Hochzeiten realisiert seit Oktober 2006! 2.b. neu ab Herbst 2007: „exile(d)STORIES“, Leitung: Eva Brenner & eine türkische Migrant/in. Als Weiterentwicklung der theatralen Cooking-Shows und basierend auf Resultaten der neuen „TheaterWerkstatt“ rund um Orhan Pamuks autobiografischen Roman „Istanbul“ werden türkisch-migrantische Lebensgeschichten in einen stringenten dramaturgischen Ablauf gebracht und als interaktive „Performance-Interventionen“ in Gasthäusern des 7., 8., 15.,6, und 17, Bezirks je dreimal an fünf Wochenenden aufgeführt werden. Einbunden sind migrationsrelevante NGOs und Hilfsorganisationen, die an den „migration mondays“ 2006 und 2007 teilgenommen haben sowie freie Künstlerinnen, die aktiv in Stadtteilarbeit involviert sind (z.B. Ula Schneider/SoHo in Ottakring). Zusätzliche Audio- und Video-Interviews mit MigrantInnen dieser Bezirke liefern neues Material, wobei die aktive Mitarbeit der Geschäftslokale mit Unterstützung der jeweiligen Bezirksvorstehungen eine zentrale Rolle spielen. Geplant ist zudem die Mitwirkung von SoziologInnen der Universität Wien, die Interviews statische auswerten und dokumentieren. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 27 2.c. neu ab Frühjahr 2008: “migration SOAP” / “Chinese Ghost STORIES“ Doku-Soaps mit Asiatischen MigrantInnen in Wien – integratives soziotheatrales Projekt Ort: Außenstellen der FLEISCHEREI im 7. Bezirk (Imbiss, Wohnung, Gasthaus, Verreinslokal…). Zeit: an 4 verlängerten Wochenenden ab Frühjahr 2008. Regie: Sun Sun YAP. Text: Camillo C. Antonio (Phllippinen) – siehe Informationen unten. Ziel: Eine Weiterführung der erfolgreichen interkulturellen Ensemblearbeit österreichischer SchauspielerInnen und asiatischer MigrantInnen (Künstler und Laien), Zusammenführung interdisziplinärer, genreübergreifender und soziotheatraler Erfahrungen, Erprobung von Enthierarchisierungsprozessen durch kollektive Ensemblearbeit, Weiterentwicklung der theatral orientierten Performance-Arbeit, Infusion mit ethnologischen Erkenntnissen und site-spezifische Methoden. Ziele der 3 Arbeitsformate: Aktive Stadtteil und Bezirksübergreifende Theaterarbeit, Integration von Zielgruppen, Neudefinition sozialer Rituale im theatralen Spiel, soziokulturelle Langzeitwirkung. Kontakt und Kooperation mit der lokalen Wirtschaft und sozialen wie migrantischen Organisationen der Bezirke. 3- „migration music” – eine Musik ohne Grenzen - neu ab Herbst 2007! – 3x3 Ensembles experimenteller Musik, mit KünstlerInnen und Gästen Ort: FLEISCHEREI, Zeit: jeden Montag ab 20 Uhr 2 Staffeln: 2007 (September – Dezember), Kuratorin: Sun Sun YAP (SGP), 2008 (Febuar – März), Kuratorin: Angélica Castelló (MEX), Ziel: Erforschung zeitgenössischer musikalischer, improvisatorischer und performativer Strukturen, Zusammenarbeit von MusikerInnen, PerformerInnen und MigrantInnen; Kompositionen migrantischer Lebensgeschichten. Fokus auf Berggesänge verschiedner Regionen. Mit internationalen, regionalen und migrantischen Ensembles, MusikerInnen & KünstlerInnen der freien Szene. 5- „PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation“ in der FLEISCHEREI – Interdisziplinäre Gesprächsreihe mit ExpertInnen zum Thema „Migration&Integration“, projektbezogen, damit verbundene Workshops und flexible Trainingseinheiten. Ziel: Entwicklung von Theorie und Praxis für soziotheatrales Arbeiten in Wien, Aus- und Fortbildung. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 28 Theoretische Grundlagen (geladene ExpertInnen): 1. Neue Arbeit Neue Kultur (Frithjof Bergmann, Franz Nahrada) 2. Soziokulturelle Animation (Freizeitpädagogik 7 Michel Voisard u.a.) 3. Open Space Technologies (Markus Distelberger u.a. nach Harrison Owen) 4. Gewaltfreie Kommunikation (Julia Strauhal nach Marschall B. Rosenberg) 5. For-Giving – patriarchatskritische Modelle der Geschenkökonomie (Claudia von Werlhof u.a. nach Géneviève Vaughan) 6. Systemische Familien-, Struktur- und Organisationsaufstellungen (Manuela Mätzener&Babak Kaweh, Matthias Varga v. Kibéd&Insa Sparrer u.a.) 7. Migrations- und Integrationsforschung (eif – Institut für Europäische Integrationsforschung der Österr. Akademie der Wissenschaften, Sonja Puntscher Riekmann, Bernhard Perchinig, Rainer Bauböck) Auswahl angewandeter Theatertechniken (LeiterInnen des Trainings): 1. Theatrale Kommunikation & Theaterspiel (Viola Spolin, Keith Johnston/Kooperation mit Clemens Matzka&Georg Schubert/das TAG) 2. Viewpoints of Performance (Mary Overlie, Anne Bogart/Tina Landau – New York; Eva Brenner, Corinne Eckenstein, Beate Göbel, Maren Rahmann - Wien) 3. Grotowskis River-Arbeit (nach Steve Wangh/USA “An Acrobat of the Heart” - Eva Brenner, Beate Göbel, in Kooperation mit Theater ASOU Graz ) 4. Forum- und Erzähltheater (Augusto Boal, Michael Wrentschur/Kooperation mit InterACT Graz) 5. Elemente modernen Strassentheaters (Tom Zabel & Gruppe „du & nichts“) 6. Partnerorganisationen im 7. Bezirk und Nachbarbezirken: 1. Hilfswerk (Nachbarschaftszentrum Schottengasse) 2. Amerlinghaus (Kulturzentrum) 3. Schulen im Bezirk, z.B. Nôtre Dame de Sion 4. Pädagogisches Gymnasium Burggasse 5. Musikgymnasium Neustiftgasse 6. SOS Mitmensch (NGO) „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 29 7. Asyl in Not (NGO) 8. Ehe ohne Grenzen (NGO) 9. Ute Bock und Asylorganisationen (NGOs) 10. ÖKS - Kooperationen 11. Die Gruft (Obdachlosenorganisation) 12. Republikanischer Club-Neues Österreich (NGO) 13. VZA (Jugendzentrum 12. Bezirk) 14. SFC-Schwarze Frauen Community (NGO) "Wir sind nicht frei. Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen. Und das Theater ist dazu da, uns zunächst einmal dies beizubringen." Antonin Artaud, "Das Theater und sein Double", 1964 „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 30 8. Arbeitsphasen Mitte 2007 – Mitte 2008 A) Programm Herbst 2007 Arbeitsformat 2 - FLEISCHEREI_mobil Ort: Außenstellen der FLEISCHEREI im 7., 8., 15.,6, und 17, Bezirk Zeit: je dreimal an fünf Wochenenden im Oktober 2007 Arbeitstitel: „exile(d)STORIES“ Leitung: Eva Brenner und ein/e türkische MigrantIn. Räume: Andreas Pamperl In Weiterentwicklung der interkulturellen theatralen Cooking-Shows „migration mondays“ sowie und basierend auf Resultate der neuen „TheaterWerkstatt“ nach Texten von Orhan Pamuks autobiografischem Roman „Istanbul“ (2006) werden türkisch-migrantische Lebensgeschichten als interaktive „Performance-Interventionen“ in Gasthäusern des 7., 8., 15., 16, und 17. Bezirks an fünf Wochenenden im Oktober 2007 aufgeführt werden. Innerhalb der Serie wird die Geschichte vom Autor mit dem Ensemble kontinuierlich weiterenwickelt, sodass wie in einer Soap-Opera neue Charaktere dazukommen. Einbunden sind NGOs und Hilfsorganisationen, die an den „migration mondays“ (2006-07) teilgenommen haben, sowie freie Künstlerinnen, die aktiv in Stadtteilarbeit involviert sind (z.B. von SoHo in Ottakring). Zusätzliche Audio- und Video-Interviews mit MigrantInnen der Bezirke liefern neues Material, das dann jeweils vom Dramaturgieteam in einen theatralen Ablauf gebracht wird. Zentral ist die aktive Mitarbeit der Geschäftslokale mit Unterstützung der Bezirksvorstehungen und die Mitwirkung von SoziologInnen der Universität Wien, die Interviews statisch auswerten und dokumentieren. „Das Streben nach Europäisierung schien weniger einem Modernisierungsdrang zu entspringen als vielmehr dem Wunsch, die mit quälenden Erinnerungen behafteten Überreste des untergegangnen Reiches so schnell wie möglich loszuwerden, so wie jemand nach dem Tod der schönen Geleibten schnell ihre Kleider, ihren Schmuck und die Fotos von ihr fortwirft, um von der Erinnerung nicht überwältigt zu werden. Wenn es schon nicht gelang, einen modernen, sei es nun westlichen oder eher autochthon geprägten Staat zu erreichten, dann wollte man wenigstens die Vergangenheit vergessen, was dazu führte, dass Konaks verbrannt und abgerissen wurden, dass die Kultur einem Vereinfachungs- und Beschneidungsprozess unterworfen wurde u nd dass man Häuser und Wohnungen wie Museen einer nichtgeliebten Kultur einrichtete.“ – Orhan Pamuk „Istanbul“, S. 40ff. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 31 Arbeitsformat 3- „migration music” – eine Musik ohne Grenzen - neu ab Herbst 2007! - 1. Staffel: Okt. – Dez. 2007. – 3x3 Ensembles experimenteller Musik, mit KünstlerInnen und Gästen Ort: FLEISCHEREI, Zeit: jeden Montag ab 20 Uhr, Kuratorin: Sun Sun YAP (SGP) Die 1. Staffel der Serie verfolgt das Ziel, das Zusammenspiel zeitgenössischer musikalischer, improvisatorische und performativer Strukturen zu erforschen, und eine neuartige kollektive Interaktions- und Kompositionsformat zwischen MusikerInnen, PerformerInnen und MigrantInnen zu ermöglichen. Der Fokus liegt auf Rekonstruktion von Berggesängen verschiedener Regionen (von China bis Korsika, von den Alpen bis zu Tundra) und deren experimenteller Adapatierung für ein heutiges urbanes Publikum. Genreübergreifende Improvisationen zwischen MusikerInnen und SchauspielerInnen führen zu originalen Vertonungen migrantischer Lebensgeschichten, die zuvor vom Team recherchiert und dokumentiert werden. Angestrebt wird die Kooperation mit regionalen, internationalen und migrantischen MusikerInnen & KünstlerInnen der freien Szene. Biografien Hans Tschiritsch ((Musiker, Komponist, Instrumentenbauer, Erfinder) - kunstverein klangwerk. "Tschiritsch's Urwerk" nennt sich das unkonventionelle sechsköpfige Ensemble, bei dem international renommierte Musiker aus der ganzen Welt mitspielen. Hans Tschiritsch bringt zahlreiche Klangmaschinen und individuelle Musikinstrumente mit, die er selbst entworfen und gebaut hat, entwickelt außergewöhnliche Sounds und Obertongesänge. Bekannt geworden ist Hans Tschiritsch, der im Wiener Burgtheater als "Geräuschmeister" und Musiker Theateraufführungen bereichert, mit seiner Nähmaschinenobertondrehleier, der Grammophongeige, der singenden Säge, Steel-pan und Eisenrädern. Zahlreiche Perkussionsinstrumente sowie Trompete, Posaune und Tuba ergänzen die amüsante Musik. Kollegium Kalksburg - Trio mit Vincenz Wizlsperger - Dichter, Sänger, Kamm- und Tubaspieler, Heinz Ditsch - Akkordeon und singende Säge, Paul Skrepek – Kontragitarre . Die drei Herren vom Kollegium Kalksburg haben sich der tradierten Kleinkunstform des Wiener Liedes auf ihre ganz eigene, ironisierende Weise „angenommen“. Ihre zerknitterten Anzüge und alten Hüte signalisieren Morbides. Die abgehackten Dialoge wirken improvisiert, die Gestik ist skurril bis wahnsinnig. Hier proben drei Musiker den ganz normalen Wiener Wahnsinn mit sichtlichem Vergnügen am sinnigen Quatsch. Der Kontakt zum Publikum reißt nie ab, die Pannen sind bewusst geplant… Jaroslav Koràn - Orchestra of Forgotten Dreams („Das Vergessene Orchester im Land der Träumer“). Geb. 1962 in Prag, wo er bis heute lebt. Fotograf, Bildender Künstler, Musiker. Mitglied von mamapapa. Komponiert für diverse Ensembles und Thaergruppen, u.a. mamapapa Prag, Ewiges Kind, Agnes Kutas&Jaroslav Koran Duo. 1992 Mitglied des „Vergessenen Orchesters im Land der Träumer“, gegründet mit seinem Bruder Michal und dem Pianisten Marek Sebelka als improvisierenden Klangkörper mit wechselnder Besetzung. Das erste Konzert fand im Sommer 1992 statt, im Rahmen des ersten internationalen Symposiums Hermit im Kloster in Plasy bei Pilsen. Koran tritt überwiegend in Prag auf, sowie u.a. an verschiedenen Theatern in der Tschechischen Republik und international, zuletzt in Österreich und Frankreich. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 32 Arbeitsformat 4: PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation • Fortsetzung der Gesprächsreihe über „Migration&Integration“ • 1. Staffel interaktiver Workshops &Training Sessions für Profis und Laien. An Wochenendterminen in der FLEISCHEREI. Von Feburar 2007 bis Dezember 2007 wird eine monatliche „Werkstatt für Wissenstransfer“ in der FLEISCHEREI eingerichtet. Sie dient der Diskussion und zur Vermittlung soziotheatraler Techniken und zur Weitergabe theoretischer wie praktischer Kenntnisse an KünstlerInnen, die in Zukunft mit soziotheatralen Techniken arbeiten wollen. In Planung sind regelmäßige Klausuren mit SoziologInnen, PädgogInnen, TherapeutInnen und MediatorInnen zum Austausch über aktuelle Themen aus der Soziologie, Sozialarbeit, Theater-, Ritual- und Kulturwissenschaft, die für die Entwicklung soziotheatraler Arbeit geeignet sind. Eingeladen sind jene TheoretikerInnen und PraktikerInnen, deren Thesen und Arbeitspraxen zur Entstehung des vorliegenden Konzepts beigetragen haben: Frithjof Bergmann, Franz Nahrada, Peter Kreisky, Peter Lehner, Bernhard Perchinig, Claudia von Werlhof, Walter Baier, Geneviève Vaughan, Michael Hüttler, Nigar Hasib, Marko Ilic, Heinz Hoffer, Werner Rotter, Michael Wrentschur, Clemens Matzka, Georg Schubert, Beate Göbel, u.a. Workshops zu Themen soziotheatraler Arbeit – u.a. Improtheater, Viewpoints-Arbeit, Theater der Unterdrückten, Aspekte des zeitgenössischen Straßentheaters - wenden sich an Zielgruppen wie Schüler, Jugendliche, Pensionisten, Arbeitslose und finden an verlängerten Wochenenden in der FLEISCHEREI statt. Die Workshops bieten zugängliche Formate der theatralen Partizipation und des Kreativitätstrainings an. Lehrmethoden entstammen dem internationalen Kanon des „Physical Theater“ und verbinden - im Gegensatz zu traditionellen Theaterkursen - experimentelle Techniken eines erweiterten Theaterbegriffs mit soziotheatralen Erkenntnissen, die aus der Recherche der FLEISCHEREI hervorgehen. Zur Präzisierung der Workshoparbeit mit geladenen Zielgruppen werden Vorgespräche mit Organisationen im Bezirk geführt. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 33 B) Programm Frühjahr 2008 Arbeitsformat 2 - FLEISCHEREI_mobil Soziotheatrale Doku-Soap mit Asiastischen MigrantInnen in Wien Orte: Außenstellen der FLEISCHEREI im 7. & 8. Bezirk Zeit: jeden Donnerstag ab 20 Uhr, Februar - März 2008 Regie/Räume: Sun Sun YAP, Andreas Pamperl (A) Text: Camillo C. Antonio (Phillipinen) - Arbeitstitel: „Chinese Ghost STORIES“ Als weitere Folge der interkulturellen Ensemblearbeit österreichischer SchauspielerInnen und asiatischer MigrantInnen (KünstlerInnen und Laien) - die „1. Interkulturelle Hochzeit“ im Oktober 2006 zog über 100 Menschen ins Szenelokal „Restaurant LUX“ am Spittelberg an – entwickelt Sun Sun YAP (SGP) gemeinsam mit dem in Wien lebenden Autor Camilo C. Antonio (Philippinen) ein serielles Theaterstück für die FLEISCHEREI. In Kooperation mit dem Ensemble entsteht eine multilinguale experimentelle „Soap-Opera“ für österreichische und asiatische AkteurInnen. Das Publikum folgt jede Woche der Gruppe in ein anderes asiatisches Lokal im Bezirk die es dem „Wanderzirkus“ erlaubt, hinter die Kulissen asiatischer MigrantInnen-Familien und GeschäftsbetreiberInnen zu schauen. Theater BesucherInnen und Stammpublikum der diversen Lokale werden Zeugen alltäglicher Szenen, die Auskunft geben über Konflikte, Hoffnungen und Perspektiven vieler MigrantInnen in Wien - von Angst vor Abschiebung, Warten auf den Lebenspartner, der im Ausland um Aufenthaltsgenehmigung ansucht, bis zu den Folgen chancenloser Job- und Wohnungssuche oder einer Studienablehnung… Das Stück erzählt mit erweitertem interkulturellem Ensemble das Schicksal einer chinesischen jungen Frau, die in Österreich heiratet und aufgrund des neuen Fremdenrechts 2006 nach der Heirat in ihr Land abgeschoben wird. Der erste Teil schildert das Ende des österreichisch-chinesischen Hochzeitsmahls und das plötzliche mysteriöse Verschwinden der Braut, gefolgt von eienr panikartigen Auflösung der Hochzeitsgesellschaft… Der zweite Teil führt auf Spurensuche nach der Braut, verleiht den alltäglichen Ängsten und Sorgen des Bräutigams, von Freunden und Familie Ausdruck und gibt Einblick in den Alltag migrantischen Lebens in Wien. Im dritten Teil sucht die Braut zuerst vergeblich um neuerliche Aufenthaltsgenehmigung in Österreich „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 34 an, der Plot verdichtet sich im sehnsüchtigen Warten des Bräutigams auf die Braut – bis hin zu ihrer Rückkehr nach Wien unter mehrfachen Komplikationen. Der vierte Teil schildert den Versuch des jungen Paares, sich nach der Geburt des ersten Kindes zu etablieren, die verschärften Probleme mit Wohnungs- und Arbeitssuche und die Schwierigkeiten mit der kulturellen Identität bzw. Identitätslosigkeit des Kindes (ist es Kind nun – je nach unterschiedlicher Gesetzeslage - staatenlos, Chinese/Chinesin oder Österreicher/in?) Die Folie der vierteiligen Ghoststory liefert – als ironischer Beitrag zur kriminalistischen Dimension mancher Migrationsgeschichten - die amerikanische Kult- TV-Serie „Twin Peaks“ (1990/01), die für das Relaunch des Genres stilbildend geworden ist. Die für die frühen 90erJahre typische Krimi- und Mysteryserie des USamerikanischen Regisseurs David Lynch und seines Autors Mark Frost besteht aus einem Pilotfilm sowie 29 Folgen. Leitthema ist die Aufklärung des Mordes an der jungen Frau, Laura Palmer, geführt durch den FBI-Agenten Dale Cooper. Im Zuge der Ermittlungen kommen die Abgründe des idyllisch scheinenden amerikanischen Kleinstadtlebens zum Vorschein. Die Filmemacher verstanden es, typische Stories amerikanischer Kriminalserien mit ironisch-überhöhten Stilmitteln der Soap-Operas zu mischen und mit surrealen Gestaltungselemente zu verweben. Trotz ihres sperrigen Genre-Mixes wurde die Serie ein großer kommerzieller Erfolg und erreichte Kultstatus. Biografie Camilo C. Antonio Autor, Aktivist und Kulturorganisator, ist seit 1999 österreichischer Staatsbürger, geb. 1944 auf den Philippinen von Eltern unterschiedlicher kultureller Herkünfte: Malayopolynesich- Chinesisch-Spanisch-Portugisisch. Studium auf den Philippinen (bachelor of arts), in den USA (master of arts in political science), in Mexiko und Südamerika (Lateinamerikanische Studien) sowie in England. Zuletzt Universität Wien (mag. phil politikwissenschaft, 2002); Jahrelang engagiert in der 3. Welt mit Projekten für Technologieentwicklung der Vereinten Nationen (mit der UNIDO, 1978-1998). Ausgedehnte Reisen internationale. Ehrenamtliches Engagement für soziale und kulturelle Organisationen) u.a. Repräsentant für Migrantinnen in der Integrationskonferenz). Publikationen bzw. "imaged creations" mittels lyrischer und dramatischer Gedichte it urbannomadmixes, einer Gruppe multikultureller Dichter, Musiker, Tänzern & Video-künstler, die er mitbegründet hat und leitet. Drei Jahre Mitarbeit beim „Hallamasch Festival“ in Wien (1998/99/2000), bei den „international poetry festivals (Seattle/USA, Prag, St. Yves, England) und letzlich beim „ vienna literary festival 2006. Mitarbeit bei den „labyrinth poets“ (association for english language writers in vienna), in der Schule für dichtung Wien (10. Geburtstag im Porgy&Bess) und „Rund-um-die Burg“. Gewinner von slam competitions, 2004 im ORF-Radiokulturhaus. „Camilo C: Antonio lebt in Wien. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 35 Arbeitsformat 3- „migration music” – eine Musik ohne Grenzen - neu ab Herbst 2007! - 1. Staffel: Okt. – Dez. 2007. – 3x3 Ensembles experimenteller Musik, mit KünstlerInnen und Gästen Ort: FLEISCHEREI, Zeit: jeden Montag ab 20 Uhr, Kuratorin: Sun Sun YAP (SGP) Ensembles: Hans Tschirtisch (A) & “Tschiritsch’s Urwerk” Angélica Castelló (MEX) & Low Frequency Orchestra (A) Ingrid Hammer (A) und Vokalensemble transaplin (Berlin) Die 2. Staffel der Serie verfolgt das Ziel, das Zusammenspiel zeitgenössischer musikalischer, improvisatorische und performativer Strukturen zu erforschen, und eine neuartige kollektive Interaktions- und Kompositionsformat zwischen MusikerInnen, PerformerInnen und MigrantInnen zu ermöglichen. Der Fokus liegt auf Rekonstruktion von Berggesängen verschiedener Regionen (von China bis Korsika, von den Alpen bis zu Tundra) und deren experimenteller Adapatierung für ein heutiges urbanes Publikum. Genreübergreifende Improvisationen zwischen MusikerInnen und SchauspielerInnen führen zu originalen Vertonungen migrantischer Lebensgeschichten, die zuvor vom Team recherchiert und dokumentiert werden. Angestrebt wird die Kooperation mit regionalen, internationalen und migrantischen MusikerInnen & KünstlerInnen der freien Szene. Biografien Angélica Castelló (Flötistin, Komponistin, Veranstalterin) Low Frenquency Orchestra Geb. 1972 in Mexiko. Musikstudien am Conservatorio Nacional de Música de México mit Horacio Franco und Flöte mit Marielena Arizpe. Daneben Gesangstätigkeit in veschiedenen Chören. Ab 1990 Musikstudien an der Université de Montréal unter Francis Colpron (Bachelor's degree 1994).´ Von 1996 bis 1999 postgraduate studies in Amsterdam mit Paul Leenhouts.Danach Ausrichtung auf contemporary music, improvisation, experimentation, und die Zusammenarbeit mit jungen KomponistInnen. Seit 1999 Wohnsitz, Studium und Unterrichtstätigkeit in Österreich, vielfältige Kompositions- und Life Musikaufträge für zeitgenössisches Theater, Performance, Visual&Video Künstler und Gruppen. Mitglied des “Low Frequency Orchestra”, von Los Autodisparadores, Fiori Musicali und grill/castello. Seit 2004 Organisatorin der Konzertserie i “Neue Musik in St. Ruprecht'” in Wien, mit dem Ziel, neue experimentelle und elektronische Musik zusammen zu bringen. Als Soloistin international tätig. Stipendien aus Mexiko und Kanada. Transaplin - Vokalensemble Berlin, Gegründet 2001 von der Regisseurin und Sängerin Ingrid Hammer (A). Das Vokaltrio transalpin beschäftigt sich mit ethnischer Musik unterschiedlicher Kulturkreise. Mit seiner Technik des Synchronsingens legt das Trio den Schwerpunkt seiner Arbeit auf das Verschmelzen, das Sich-Durchdringen der Musiken unter Wahrung ihrer kulturellen Eigenart. Die Lieder klingen auf, verschränken sich, trennen sich wieder und treffen erneut aufeinander. Durch das – buchstäbliche – Zusammensingen von Liedern unterschiedlicher kultureller Herkunft entstehen neue fremde Klangwelten – neue musikalische „Ethnien“. „Eine atemberaubende Wanderung durch musikalische Zwischenwelten. Was im Zusammenleben der Völker Utopie bleibt, ist musikalisch möglich …“ (zitty, 19/2003) „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 36 Arbeitsformat 4: PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation • Fortsetzung der Gesprächsreihe über „Migration&Integration“ • 2. Staffel interaktiver Workshops &Training Sessions für Profis und Laien. An Wochenendterminen in der FLEISCHEREI. Von Feburar 2008 bis Juni 2008 wird eine monatliche „Werkstatt für Wissenstransfer“ in der FLEISCHEREI eingerichtet. Sie dient der Diskussion und zur Vermittlung soziotheatraler Techniken und zur Weitergabe theoretischer wie praktischer Kenntnisse an KünstlerInnen, die in Zukunft mit soziotheatralen Techniken arbeiten wollen. In Planung sind regelmäßige Klausuren mit SoziologInnen, PädgogInnen, TherapeutInnen und MediatorInnen zum Austausch über aktuelle Themen aus der Soziologie, Sozialarbeit, Theater-, Ritual- und Kulturwissenschaft, die für die Entwicklung soziotheatraler Arbeit geeignet sind. Workshops zu Themen soziotheatraler Arbeit – u.a. Improtheater, Viewpoints-Arbeit, Theater der Unterdrückten, Aspekte des zeitgenössischen Straßentheaters - wenden sich an Zielgruppen wie Schüler, Jugendliche, Pensionisten, Arbeitslose und finden an verlängerten Wochenenden in der FLEISCHEREI statt. Die Workshops bieten zugängliche Formate der theatralen Partizipation und des Kreativitätstrainings an. Lehrmethoden entstammen dem internationalen Kanon des „Physical Theater“ und verbinden - im Gegensatz zu traditionellen Theaterkursen - experimentelle Techniken eines erweiterten Theaterbegriffs mit soziotheatralen Erkenntnissen, die aus der Recherche der FLEISCHEREI hervorgehen. Zur Präzisierung der Workshoparbeit mit geladenen Zielgruppen werden Vorgespräche mit Organisationen im Bezirk geführt. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 37 9. Texte & Biografie: Orhan Pamuk – „Istanbul“ (2003/2006), „Schnee“ (2005) „Istanbul“. Erinnerungen an eine Stadt Für das tagträumende Kind, den jungen Orhan Pamuk, war das Herz der großen Stadt Istanbul das Gebäude, das unter dem Namen "Pamuk Apartmani" bekannt war. Hier lebte die Großfamilie, hier lebten Onkel, Tanten, Großmütter, jeder Zweig der Familie auf einem eigenen Stock. Nun schildert der Schriftsteller Orhan Pamuk mit seinem einzigartigen Gespür für Geschichte und seiner außergewöhnlichen erzählerischen Begabung die Geheimnisse seiner eigenen Familie und entdeckt, inwiefern sie typisch für ihre Zeit und diesen bestimmten Ort waren. Er führt uns an die berühmten Monumente und verlorenen Paradiese der sagenhaften Stadt, zeigt uns die verfallenden osmanischen Villen, die Wasserstraßen des Bosporus und des Goldenen Horns, die dunklen Gassen der Altstadt und berichtet von Malern, Dichtern und Mördern. Unter Pamuks Händen verwandelt sich die Autobiographie, und was als Porträt des Schriftstellers als junger Mann beginnt, wird das Porträt einer außerordentlichen Stadt. „Die schwarzweißen Gestalten, die an Wintertagen im frühen Abenddunkel nach hause hasten, vermitteln mir das Gefühl, dass ich zu dieser Stadt gehöre und mit diesen Menschen etwas gemein haben“ – Orhan Pamuk, Istanbul Orhan Pamuk ergründet in „Istanbul“ die Geheimnisse seiner eigenen Familie, führt an berühmte Monumente und verlorene Paradiese der sagenumwobenen Stadt, zeigt uns die verfallenen osmanischen Villen, die Wasserstraßen des Bosporus und de Goldenen Horns sowie die dunklen Gassen der verwunschenen Altstadt. Der Niedergang der einst so großartigen kosmopolitischen Metropole spiegelt sich in gewisser Weise in der allmählichen Auflösung von Pamuks Familie, und die Melancholie ist daher für den Schriftsteller die Eigenschaft, die ihn wie alle Bewohner der Stadt am meisten charakterisiert. Sie leiht auch dem Blickwinkel Gestalt, aus dem die autobiografischen „Geschichte/n“ theatral erzählt werden. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 38 „Schnee“ Die Fähigkeit zu verstehen und kulturell Unbekanntes oder Verdrängtes verständlich zu machen, liegt auch Pamuks Roman „Kar“ zugrunde, wie die nachfolgenden Äußerungen des Autors unterstreichen: “Ich wollte einen politischen Roman schreiben und alle Hauptkräfte der Türkei fand ich in Kars: Islamisten, türkische Nationalisten, kurdische Nationalisten, Kirche, Armee, verschiedene ethnische Gruppen und auch islamistische Fundamentalisten. Deshalb habe ich meine Geschichte in genau dieser Stadt an gesiedelt.“ - Orhan. Pamuk (http://de.wikipedia.org/wiki/Orhan_Pamuk) Orhan Pamuk entwickelt für diesen türkischen Mikrokosmos einen spannenden Handlungsrahmen: Eine Theatergruppe inszeniert einen kemalistischen Putsch in der durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschotteten Grenzstadt Kars, in welcher junge Musliminnen begonnen haben, wegen des Kopftuchverbotes an der Universität Suizid zu begehen. Ein bekannter Islamist hält sich in der Stadt versteckt, und der Dichter Ka verstrickt sich auf der Suche nach Inspiration und nach der Liebe der schönen Ipek in die Ereignisse. Kaum im Hotel Schneepalast einquartiert, wollen ihn - den „Westler“, der lange im Exil in Deutschland gelebt hat - alle möglichen Leute für sich gewinnen: Sedar Bey, Besitzer einer Zeitung, die Nachrichten bringt, bevor sie passiert sind, der Polizeipräsident, Ipeks Exmann, der für das Amt des Bürgermeisters kandidiert, junge Heißsporne aus der Vorbeter – und Predigerschule, schließlich auch ein charismatischer, im Untergrund agierender Sprecher der Islamisten. Und am Abend, als Ka vor einer größeren Öffentlichkeit auftritt, kommt es zum Putsch… „Schnee hatte in ihm stets das Gefühl einer Reinheit erweckt, die den Schmutz, den Schlamm und das Dunkel der Stadt bedeckte und dadurch vergessen machet: aber in seiner ersten Nacht in Kars hatte Ka das Gefühl verloren, Schnee sei etwas Unschuldiges. Hier war der Schnee eine ermüdende, erschöpfende, erschreckende Angelegenheit.“ – Orhan Pamuk , „Schnee“, S. 16 Biografie Orhan Pamuk, geb. 1952 in Istanbul, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York. Für seine Romane erhielt er 1990 den "Independent Foreign Fiction Award", 1991 den "Prix de la découverte européene", 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Der in seiner Heimat umstrittene Autor ist der erste türkische Schriftsteller, der die renommierte Auszeichnung erhält. Das Nobelpreiskomittee lobte seine Vermittlerrolle zwischen Orient und Okzident. Orhan Pamuk lebt in Istanbul. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 39 10. Theorien & Metatexte zur Entwicklung soziotheatraler Arbeit in der FLEISCHEREI 10.a „Neue Arbeit Neue Kultur“, Frithjof Bergmann (2004) 10.b „Geschenkökonomie“, Geneviève Vaughan (1997) Das zentrale Anliegen: Was wir wirklich, wirklich wollen“… Frithjof Bergmann, deutsch-amerikanischer Philosoph, Autor, Aktivist, hat wichtige Inspirationen für eine neue soziotheatrale Kulturarbeit aufgeworfen, die das Team der FLEISCHEREI in den nächsten Jahren weiter verfolgen und ausbauen will. Seit einem Jahr gibt es dierkte Kontakte zu Frithjof Bergmann, der großes Interesse an den aktuellen Konzepten der FLEISCHEREI geäußert hat. Desgleichen hat die praktische Vernetzungen mit MitarbeiterInnen von „Neuen Arbeit“-Projekten in Österreich begonnen und sich eine informelle Gruppe in der FLEISCHEREI zur Erforschung der Fundamente eines „Zentrums für Neue Kultur-Arbeit“ gebildet. Im Mittelpunkt steht der Versuch, Bergmanns Konzepte auf eine konkrete autonome Kulturarbeit in Wien anzuwenden und vorhandener kulturelle Initiativen zu vernetzen ( z.B. wird in Graz derzeit ein „www-Laden“, von „wirklich-wirklich-wollen“ ausgehend, aufgebaut). Die FLEISCHEREI, dessen soziotheatrales Grundmodell als Baustein eines potentiellen „Zentrums für Neue Kultur-Arbeit“ in Wien gilt, öffnet seine Räume den Aktivitäten der Arbeitsgruppe; als Gegenleistung werden Spenden und Eintritte für zukünftige Veranstaltungen der Gruppe dem Theater zugute kommen. Frithjof Bergmann, ist in Sachsen geboren und in Österreich aufgewachsen. Als 19jähriger kam er in die USA; wo er auf Umwegen zur Philosophie fand. Er lehrte an amerikanischen Universitäten, von Princeton bis Stanford und Ann Arbor, wo er bis heute als Professor tätig ist. 1984 erwächst aus seiner Kooperation mit General Motors das erst „Zentrum für Neue Arbeit“ in der Automobilstadt Flint (Michigan). Seit den 80er Jahren berät Bergmann neben Unternehmen, Gewerkschaften auch Jugendliche und Obdachlose zur Zukunft der Arbeit und zur kreative Nutzung innovativer Technologien für die Eigenversorgung, von den USA bis Europa und der Dritten Welt; in den letzten Jahren auch in Deutschland und Österreich. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 40 Bergmann stellt in seinem Buch „Neue Arbeit Neue Kultur“ (2004) die zentrale Frage nach der Zukunft der Arbeit in einer Welt, in der nicht nur Arbeitsplätze schwinden, sondern die Menschen ihre Arbeit als „milde Krankheit“ empfinden. Demgegenüber entwickelt Bergmann Theorien und Konzepte einer befreiten Arbeit auf Basis dessen, was die Menschen „wirklich, wirklich wollen“. Demgemäß könnten sie in Zukunft nur mehr max. 6 Monate im Jahr arbeiten müssen, um zu „überleben“, und den Rest der Zeit sich alternativen, kreativen und kulturellen Tätigkeit ihrer Wahl widmen können. Die Innovationspotentiale neuer Technologien sollen anhand der „High-Tech-Eigen-Produktion“ (HTEP) neu genutzt und persönlich wie gesellschaftlich brachliegende Ressourcen freigelegt werden. Um das herkömmliche – laut Bergmann spätestens seit Ende des Kalten Krieges ausgediente - System der Lohnarbeit zu überwinden, experimentieren über zwei Jahrzehnte Wissenschaftler, Bauern, Pädagogen, Sozial/Arbeiter und AktivistInnen aller Schattierungen in sog. „Zentren der Neuen Arbeit“ weltweit mit neuen Technologien an Modellen der „Neuen Arbeit“. Seit mehreren Jahren arbeitet Bergmann parallel als Philosophieprofessor in Amerika und als Berater von Regierungen in Ländern der Dritten Welt, wo Hilfe am dringlichsten nötig ist, sowie an der internationalen Verbreitung und Vernetzung der „Neuen Arbeit“. „Es geht uns um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr kraft und mehr Vitalität gibt. … [Die HTEP] basiert im Wesentlichen auf der Idee, unsre brillanten Technologien nicht nur dazu zu benutzen, aus unsren Flüssen Kloaken oder aus unserem Regen Säure zu machen, sondern auch noch etwas ganz anderes. Wir könnten ein Reihe von Geräten, Apparaten, Materialien, Maschinen und Herstellungsarten entwickeln, die es uns ermöglichen würden, 60 bis 80 Prozent von dem, was wir zum Leben brauchen, selbst herzustellen. […] Was ich meine ist – etwas provokativ und merkwürdige formuliert – die Fähigkeit, uns zu fragen, welcher von 500 mir offen stehenden Aktivitäten ich mich heute widmen möchte. […] Entscheidend war für uns die Reduzierung der Abhängigkeit von der Lohnarbeit, das Ausbrechen aus dieser Knechtschaft. Wir wollten hier eine Ebene erreichen, die in dieser Hinsicht eine deutliche Veränderung zeigt, die es einem Menschen erlaubt, seine Lohnarbeit um ein Drittel oder die Hälfte zu reduzieren, indem er sie auf angenehme Wiese mit einer selbstversorgenden oder eigenproduzierenden Arbeit ausbalanciert.“ – Frithjof Bergmann, „Neue Arbeit Neue Kultur“, 2004, S.19-24. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 41 Die Schenkwirtschaft und die Befreiung vom Mythos des "freien" Marktes In komplimentärer Weise zu Frithjof Bergmann kann das feministisch orientierte Prinzip der „Geschenkökonomie“, wie es die US-amerikanische Theoretikerin und Aktivistin Geneviève Vaughan vorstellt, zur Kristallisation eines neuen soziotheatralen Arbeitsmodells dienen. Auch zu Vaughan hat die FLEISCHEREI seit einiger Zeit einen persönlichen Kontakt aufgebaut und es sind gemeinsame Projekte im Entstehen begriffen. Eines davon gilt der theatralen Umsetzung eines neuen Kinderbuches von Vaughan über die Grundprinzipien der „Geschenkwirtschaft“, das sich extrem gut für ein Performance Experiment eignet und für ein mehrsprachiges Publikum, von Kindern bis zu Erwachsenen. Als Begründerin der "Gift-Economy" ist Geneviève Vaughan eine weltweit anerkannte, feministisch aktive Kulturphilosophin und fundierte Kulturkritikerin einer Verkommerzialisierung jegliches menschlichen Lebens. Sie entwirft die derzeit vermutlich radikalste Herausforderung des neoliberalen Kapitalismus - die Vision eines Wirtschaftssystems, in dem das freie mütterlich (nährväterlich) gebende Wirtschaften, das unser Leben trägt, sich vom "freien" Markt emanzipiert und zum Leitprinzip wird. In dem Buch "For-Giving – a Feminist Criticism of Exchange" (1997) vermittelt sie ein völlig neues Verständnis von Geld, Wirtschaft und Sprache, rehabilitiert das mütterlich gebende Wirtschaften gegenüber einer quantifizierenden Austauschwirtschaft ("Was kriege ich um welchen Preis?) und zeigt auf, wie diese Art zu wirtschaften mit einem hybriden, disfunktional gewordenen Männlichkeitskult verbunden ist. Für Vaughan ist das kapitalistische Wirtschaften wie eine kollektive Psychose, in der die Wirklichkeit komplett verdreht und verleugnet wird. Während von den Vertretern des "freien" Marktes dieser als die Hauptquelle von Wohlstand gesehen wird, weist sie darauf hin, dass in der Marktwirtschaft künstlich Knappheit geschaffen und erhalten wird. Sie tritt der Vorstellung entgegen, dass prinzipiell Knappheit herrsche und erst ein gut funktionierender Markt die Menschen wohl ernährt. Die Konzentration auf den eigenen Vorteil, die Selbstbestätigung der Eigeninteressen im Vergleich mit anderen, all die ständig neu geschaffenen und zu erfüllenden „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 42 Bedürfnisse, wie sie ein Markt erfordert und fördert, isolieren die Menschen voneinander, lassen sie unerfüllt zurück und schaffen ständige Gefühle von Mangel. Für Vaughan sind es die Natur ("Mutter Erde") und die große Mehrheit der Menschen - vor allem aber die Frauen - die Leben schenken und nähren ohne auf eine marktgerechte Gegenleistung bedacht zu sein. In ihren Augen nähren sie im Grunde auch den ganzen Sektor des kapitalistischen, patriarchalen Wirtschaftens mit seinem System von Hierarchie, Privilegien und Dominanz (mit seiner ungleichen Verteilung des Reichtums bis zu seiner überdimensionierten Bürokratie und Finanzwirtschaft). Vaughan ruft zu einem gigantischen Paradigmenwechsel auf, der zuallererst mit der Sprache – damit wie wir über Wirtschaften sprechen, beginnt, so dass das "mütterlich" gebende Prinzip benannt und sichtbar gemacht wird. Darüber hinaus müssen signifikante Projekte einer Geschenkwirtschaft entwickelt werden, die das "mütterliche" Schenkprinzip als Grundprinzip des Wirtschaftens rehabilitieren, ehren und praktizieren - gleich welchen Geschlechts wir sind. „Das Schenkprinzip. Es gibt ein grundlegendes Prinzip in unserem Leben, das nicht wahrgenommen und erkannt wird. Gleichzeitig findet es sich in allen Lebensbereichen. […] Das Schenkprinzip betont die Wichtigkeit, zu schenken, um Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist bedürfnisorientiert, nicht profitorientiert. Ein freies Beschenken der Bedürfnisse – was in der Mütterlichkeit Pflege oder Fürsorge genannt wird – wird in unserer Gesellschaft oft übersehen, nicht registriert oder als irrelevant abgetan, weil es auf Qualität anstelle von Quantität beruht. Was das Beschenken der Bedürfnisse jedoch schafft, sind starke Bindungen zwischen denen, die schenken, und denen, die beschenkt werden. Die Bedürfnisse Anderer1 zu erkennen, und zu versuchen, sie zu befriedigen, versichert den Schenkenden die Existenz der Anderen, während den Beschenkten in ihrer Erfahrung, etwas zu erhalten, das ein Bedürfnis befriedigt, dasselbe widerfährt.“ – Geneviève Vaughan, "For-Giving – a Feminist Criticism of Exchange", 1997, unveröffentlichte deutsche Übersetzung (siehe auch: http://www.gifteconomy. com/index.html) Genevieve Vaughan, feministische Philologin, stammt aus einer begüterten texanischen Ölhändler-Familie und hat ihr Familienerbe zur Förderung von Bildungs-, Umwelt-, Frauenund Friedensarbeit und zur Finanzierung einer Landrückgabe an den indianischen Stamm der Western Shoshones in Nevada verschenkt. Mit ihrem Werk "For-Giving – a Feminist Critisism of Exchange", 1997 erschienen, begründet sie das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell der Schenkwirtschaft. Die deutsche Version wird derzeit von Gabriel Kuhn übersetzt und wird demnächst erscheinen. Vaughan lebt seit kurzer Zeit in Rom, Italien, wo sie sich dem Schreiben widmet, an feministischen Aktivitäten beteiligt und von wo aus sie weltweite Reisen zur Verbreitung ihrer Theorie unternimmt, zuletzt auch in Österreich. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 43 11. Der Raum als „soziotheatrale Plastik“ 2007-2008: Picknick auf Grünem Gras… Kraftzentrum der FLEISCHEREI, soziokultureller Motor und mediales Signal nach außen ist die jährliche Neugestaltung des Raumes. Je nach Themenstellung der Einzelprojekte und ästhetischer Konzeption der Arbeitsformate wird Interaktionsfeld neu gestaltet – eine Praxis, die Flexibilität und Vermittlungsziele des FLEISCHEREI-Konzepts weit sichtbar kommuniziert! . Ausgehend von wechselnden Schwerpunkten seit 2004 wurde der Hauptraum bereits 3x umgebaut: Im ersten Schritt entstand als Markenzeichen der optisch bestimmende Raumfüllende „Schlachttisch“, der das Volumen mit 2x6 Metern Länge parallel zur Fensterfront quert, durch die Fassade schneidet und auf den Gehsteig vor dem Theater reicht. Innen fungierte der Tisch als „Bühne“, zeitweise als Zuschauertribüne, meist aber auch als Esstisch. Auf der Straße wird die Verlängerung des Tisches zur „Theke“ im öffentlichen Raum, die einlädt zum Stehen Bleiben, Verweilen und Zuschauen; an Aufführungstagen können dort Getränke serviert, PassantInnen begrüßt und Programme verteilt. werden Im zweiten Schritt wurde der Schlachttisch auf halbe Höhe abgesenkt, wodurch eine niedrigere Spielebene entstand, der Tisch jedoch weiterhin für das gemeinsamen Essen nutzbar war. Der Aktionsraum vermittelt seitdem weniger die Atmosphäre eines „Lokals“ sondern die offene, großzügige Qualität eines „experimentellen Labors“, die erhalten bleiben soll. Im Herbst 2007 wird der Raum für das Projekt „CREATING ALTERNATIVES“ neuerlich umgestaltet: der Schlachttisch wird von den Schaufenstern in die Mitte des Raumes gerückt, wo in Zukunft Künstler und auch Publikum Platz finden können (ca. 30 Personen). Der Boden wird mit markantem rotem Tanzboden belegt, die Tischoberfläche mit echtem Gras bewachsen, in den Tisch eine Küche (Kochplatten) und einer Bar eingebaut. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 44 Mit einer unaufwendigen räumlichen Akzentverschiebung entsteht eine zentrale „soziale Plastik“ im Zentrum, die ein völlig neues Gefühl des Austausches und der Zusammengehörigkeit vermittelt und die Anliegen der soziotheatralen Arbeit direkt nach außen projiziert. Es gibt keine „Bühne“, keinen „Altart“ mehr, an dem gehuldigt bzw. etwas vorgespielt würde… Alle BesucherInnen sitzen rund um den Tisch, partizipieren als gleichwertige PartnerInnen, jede/r kann zum Akteur/zur Akteurin werden und ist zugleich ZeugIn des Geschehens. Unter Vermeidung der üblichen Kleintheater- und Musikclub-Atmosphäre, die in schummrigem Dunkel romantische „Entgrenzungen“ illusioniert, ist die optische Erscheinungsform der FLEISCHEREI kahl, geheimnislos, und einsehbar für alle. PerfomerInnen und MusikerInnen, die hier auftreten, sind von Anfang an innerhalb des „Kreises“ rund um den großen Tisch und können sich im Laufe der Abende auch frei im Raum herumbewegen. Musikkonzerte und Performances werden jeweils aus dem Rauminneren über Ton auf die Straße übertragen. Spruch- und Textbänder aus großen weißen Schriftzügen werden wöchentlich von geladenen KünstlerInnen auf Transparentartige dunkle Schiefertafeln schräg über die großen Schaufenster montiert. Die verwendeten Texte entstammen den migrantischen Lebens/Geschichten, an deren gearbeitet wird und erinnern an die plakativen politischen Sinnsprüche von Pop-Installationen einer Jenny Holzer oder Barbara Kruger. Auto/Biografische Inhalte werden visuell auf 3-5 markante Wörter und Sätze reduziert, die auf diese Weise eine temporäre „Veröffentlichung“ erfahren. Der ästhetische Vorgang ist aktionistisch – er hat Demonstrations-Charakter. Ein amüsantes Spiel mit Transparenz und Intransparenz setzt ein, das bereits in vorhergegangen raumentwürfen und Raumgestaltungen in Gang gebracht wurde. Die veränderte „Auslagengestaltung“, die nun sowohl einsehbar von außen als auch mitten ins Zentrum des Raumes wandert, bildet einen Störfaktor im Stadtbild, weckt Interesse, nachzufragen, was sich hinter der Fassade der „FLEISCHEREI“ verbirgt, macht Lust darauf, einzutreten, mit zu machen. Diese Strategie ist vielseitig diskutier- und kritisierbar als Verabschiedung theatraler „Kulisse“ als Projektionsflächen sozialer Phantasien. „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 45 Gemeinsames Improvisieren, „Theater“/Spielen, Erinnern, Erzählen, Kochen und Essen/Trinken ist nicht primär „event“-haft, sondern baut eine neuartige sozio-theatrale Gemeinsamkeit im interkulturellen und soziotheatralen Agieren auf. Sie verweigert elitäre Praktiken traditioneller „Kunst-Gemeinschaften“ wie auch paternalistisch geprägter sozial-pädagogischer „Gemeinwesen-Arbeit“, die auf Hierarchien gründen. Im Gegensatz dazu ist das gemeinsame Rund-um-den-Tisch- Sitzen mit FreundInnen, KünstlerInnen und BesucherInnen aus dem Grätzl Signum eines Zustands der Kommunikation, des Spiels und der Muße. Denn während diskutiert und gespielt wird, findet „Austausch“ jenseits des Tauschwertes von Geldwirtschaft statt, der Geschenk- und nicht Konsumorientiert ist. Im „Open Space“ , den jeder/jede gratis betreten kann, werden unterschiedliche kulturelle Erfahrungen ausgetauscht, in thematisch fokussierten Diskussionen und inszenierten Begegnungen kann Realität als „soziale und mediale Inszenierung“ mit spielerischen Mitteln untersucht, erkannt und kritisch verändert werden. „Dieses Europa hat keine andere Utopie als jene, die sich zwangsläufig aus den Unternehmensbilanzen und Buchführungen ergibt, kein positives Projekt, nur das der shareholdes, denen es nur och um maximale Renditen geht, denen Bildung und Kultur nur noch als Produktionsfaktor in den Sinn kommen ... Es ist höchste Zeit, die Voraussetzungen für den kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie zu schaffen...“ - Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, 1998 „CREATING ALTERNATIVES“ [2007-2009], Soziotheatrale Forschung in der FLEISCHEREI 46 12. Forschung&Entwicklung: Plädoyer für eine neue Studie über soziotheatrale Arbeitsmodelle in Wien Die Neuverortung soziotheatraler Kulturarbeit in Wien stellt eine spannende Herausforderung an die Kulturpolitik dar! Sie verlangt einerseits nach der Schaffung neuer, Ressortübergreifender Fördermodalitäten, die zur Integration der Mehrheitsbevölkerung in zeitgenössische Theaterprozesse führen und fordert andererseits eine wissenschaftlich fundierte Basisstudie soziokultureller Arbeit in Theorie und Praxis ein. Damit geht ein neu zu definierender, kommunal verankerter Kunst- wie Arbeitsbegriff einher, der – jenseits positiver Effekte für ausgewählte Zielgruppen – die Rückbindung brachliegender kreativer künstlerischer Potentiale in den gesellschaftlichen Prozess unterstützt. Die Bedarfsstudie über soziotheatrale Handlungsfelder wäre von einem interdisziplinären ExpertInnenteam (Kultur- und TheaterwissenschafterInnen, SoziologInnen, SozialarbeiterInnen sowie repräsentative VertreterInnen von NOGs und Stadtteilinitiativen) zu erstellen und müsste auf Tiefeninterviews mit ausgewählten Zielgruppen über kulturelle Defizite und Wünsche aufbauen und konkrete Arbeitsvorgaben formulieren. Zu statistischen Neuerhebungen käme eine kritische Rezeption soziokultureller und soziotheatraler Ansätze seit den 70er Jahren, deren Adaptierung und Aktualisierung aussteht. Von Wichtigkeit wäre außerdem die Befragung und aktive Einbindung lokaler Initiativen aus der Sozial-, Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, aus Bereichen wie der Gebietsbetreuungen und betroffener NGOs, die sich mit MigrantInnen, AsylantInnen, Jugendlichen, Obdach- und Arbeitslosen, älteren Menschen und Behinderten beschäftigen. Das Pilotprojekt „CREATING ALTERNATIVES“ und die in Entwicklung befindlichen Arbeitsformate der FLEISCHEREI verstehen sich als Beitrag zu einer Basisstudie für soziotheatrale Arbeit – keinesfalls als Ersatz dafür! Es stellt einen Testversuch dar für wachsende neue Aufgabenbereiche zeitgenössischer Theaterarbeit, die gesellschaftskritisch und fortschrittsorientiert ist.
CREATING ALTERNATIVES ADDENDUM
