ENE MENE MUH
From Scratchpad
FLEISCHEREI
- Projekt Theater STUDIO phase 2
- Kirchengasse 44, A-1070 Vienna
http://www.experimentaltheater.com
[edit] “THEATER OF EMPOWERMENT”
[edit] Theater der Partizipation & Emanzipation
[edit] Entwurf für ein soziotheatrales Arbeitsmodell in Wien
[edit] “ENE MENE MUH”
[edit] Soziotheatrales Pilotprojekt für Wien 7
[edit] PROJEKT THEATER STUDIO phase 2 in der FLEISCHEREI
[edit] PROJEKTZYKLUS 2007-2008 zum Thema “MIGRATION&INTEGRATION“
mit Texten von Charles Ofoedu (2006) & Magda Woitzuck (2006) sowie Auszügen aus Elfriede Jelineks „Das Werk“ (2002)
© Konzept : Eva Brenner, September/Oktober 2006
Künstlerische Leitung: Eva Brenner (A/USA), Andreas Pamperl (A) Kernteam: Angélica Castelló (MEX), Corinne Eckenstein (CH), Birgit C. Krammer (Schauspiel), Clemens Matzka (A), Maren Rahmann (D), Sybille Starkbaum (A, Schauspiel, Choreographie), YAP Sun Sun (SING) Assoziiertes Team: Monika Anzelini (A, PR&Pressearbeit), Rainer Berson (D, Grafik, Fotografie), Katka Csanyiova (SK, Assistenz), Steffi Hofer (D, Stimmtraining), Jakub Palacz (PL, Schauspiel), Agnieszka Salomon (PL, Schauspiel), Alexander Schlögl (A, Webdesign), Christiane Schnell (A, Kuratorin “migration mondays”), Oliver Sowa (A, PC-Systeme), Judit Wlaschitz (H, Buchhaltung)
[edit] 1. Neue Theorie & Praxis
„Theater of Empowerment“: Pilotprojekte in der FLEISCHEREI als Beitrag zur Entwicklung soziotheatraler Arbeitsmodelle in Wien
„[Wir brauchen] ein neues Denken und Handeln als experimentelle Utopie.“
- Heide Göttner- Abendroth, Für die Musen
In Antwort auf die Globalisierung – und resultierende Prozesse der Prekarisierung von Arbeit mit wachsendem Sozial- und Demokratieabbau – setzt das neu konstituierte künstlerische Team der FLEISCHEREI auf die Erforschung und Entwicklung soziotheatraler Arbeitsmodelle im öffentlichen Raum. Avantgardistische Theaterarbeit bewegt sich aus den Ghettos der Studios und Hinterhöfe auf die Strasse und wirbt um ein neues Publikum durch den Dialog mit dem „Grätzel“ - mit lokalen Organisationen, Gewerbetreibenden und neuen sozialen Bewegungen. In den Auslagen des ehem. Kolonialwarenladen im 7. Wiener Gemeindebezirk wird seit 2004 erfolgreich mit Formen eines erweiterten Theaterbegriffs experimentiert, werden Grundsteine gelegt für neue soziale und kulturpolitische Allianzen. Interdisziplinäre KünstlerInnen entwerfen ungewöhnliche site-spezifische Theaterprojekte, die zum Diskurs und zur aktiven Partizipation einladen und zum fröhlichen Protest gegen den Verlust kulturpolitischer Freiräume und künstlerischer Autonomie.
Innovative Vermittlungsmethoden sollen entwickelt und mit soziotheatralen Arbeitsformaten verknüpft werden, die sich jenseits traditioneller Publikumsschichten an neue Zielgruppen als Partizipanten wendet (Jugendliche, ältere Menschen, Arbeitslose, MigrantInnen). Sie erschließen neue Zugänge zu bewährten Traditionen des politischen experimentellen Theaters des 20. Jahrhunderts (z.B. „Theater der Unterdrückten“, „Armes Theater“, Improtheater, Viewpoints-Arbeit) und beziehen neuere soziologisch, pädagogisch und therapeutisch fundierte Ansätze mit ein (z.B. „Neue Arbeit Neue Kultur“, „Open Space“-Technologien, Patriachatskritische Subsistenzforschung und Theorien der Geschenkökonomie, systemische Strukturaufstellungen), die sich für soziotheatrale Arbeit eignen.
Durch eine Repolitisierung von Kunst, KünstlerInnen und Publikum ist ein neues „Theater of Empowerment“ zu schaffen - ein Theater das ein neues Denken und Handeln im Sinne von zivilgesellschaftlicher „Ermächtigung“ begünstigt und zugleich seine Funktion als notwendiges „Lebensmittel“ wiedergewinnt. Strategien eines aktiven „Community buildings“ folgend wird in der FLEISCHEREI die Umkehrung des üblichen Verhältnisses Theater-Realität getestet: während im traditionellen Theaterkontext Realitätspartikel in eine „Handlung“ gepresst werden, will die soziotheatrale Aktion kollektive Alltagsrituale (z.B. Hochzeiten, Begräbnis, Tanzschule) mit künstlerischen Interventionen neu füllen und rekontextualisieren.
Ziel eines neu zu schaffenden „Volkstheaters“ ist die kommunale Verankerung, das Aufsuchen neuer Schnittstellen zwischen Kunst und Leben, das Aufbrechen von Trennlinien zwischen Konsument und Produzent und die theatrale Besetzung wachsender sozialer und geografischer „Leeerstellen“ im Stadtbild. Elitären Kunstbegriffen der Hochkultur, die in geschützten Kunsttempeln zelebriert werden und die Mehrzahl der Menschen ausschließen, müssen wieder egalitäre Konzepte „Neuer Kunst-Arbeit“ im Sinne von „Empowerment“ entgegengesetzt werden. Sie münden in der Frage: kann ein zeitgenössisches Theater, das sich auf der Höhe der Zeit befindet, gesellschaftskritisch und populär zugleich sein – ohne den Anspruch auf formal-ästhetische Gestaltungsprinzipien - als Erbe der Avantgarde des 20. Jahrhunderts aufzugeben? Denn das soziotheatrale Experiment bleibt experimentelles Theater!
„Der berühmte und so fest gedachte Faden ist zerrissen: Ariadne ist verlassen worden, ehe man es glauben mochte. Und die ganze Geschichte des abendländischen Denkens ist neu zu schreiben.“ - Michel Foucault
„Bei der Neukodifizierung des gesamten Fremden- und Staatsbürgerschaftsrechts seit 2005 überwiegt ein restriktiver Zugang, insbesondere durch die Einschränkung der Neuzuwanderung und der Einschränkungen beim Zugang zum sicheren Niederlassungsstatus. Der generelle Scheineheverdacht bei Hochzeiten von ÖsterreicherInnen mit Drittstaatsangehörigen, die verlängerten Wartefristen, die erhöhten Kosten für die Einbürgerung sowie die Ermöglichung der Abschiebung von im Land geborenen und aufgewachsenen Angehörigen der „Zweiten Generation“ zeigen deutlich, dass Zuwanderung nunmehr vor allem unter dem Aspekt der Gefährdung der inneren Sicherheit gesehen wird und EinwanderInnen nicht besonders willkommen sind.“ - Bernhard Perchinig, Einwanderungs- und Integrationspolitik,In: Emmerich Talos (Hg.) Fünf Jahre Schwarz-Blau. Eine Bilanz des „Neu-Regieren“. Münster (Litt-Verlag), Juni 2006
[edit] 2. EXKURS: WAS IST „ EMPOWERMENT“?
Mitwirkungsmöglichkeit bzw. Empowerment bezeichnet Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, das Maß an Selbstbestimmung und Autonomie im Leben der Menschen zu erhöhen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Belange (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortet und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Wörtlich aus dem Englischen übersetzt bedeutet Empowerment Ermächtigung oder Bevollmächtigung. Im Deutschen wird Empowerment gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet.
Der Begriff Empowerment entstammt der amerikanischen Gemeindepsychologie und wird mit dem Sozialwissenschaftler Julian Rappaport (1985) in Verbindung gebracht. Empowerment bildet in der Sozialpädagogik/psycho-sozialen Arbeit einen Arbeitsansatz ressourcenorientierter Intervention. Im Umfeld politischer Bildung und demokratischer Erziehung wird Empowerment als Instrument betrachtet, die Mündigkeit des Bürgers/der Bürgerin zu erhöhen. Empowerment ist auch ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um die Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements. Empowerment als Strategie, die sich durch eine Abwendung von einer defizitorientierten hin zu einer stärkenorientierten Wahrnehmung auszeichnet, findet sich zunehmend auch in Managementkonzepten, in der Erwachsenen- und Weiterbildung, in der narrativen Biografiearbeit und der Selbsthilfe – und der genreübergreifenden Kulturarbeit!
Empowerment als soziale Arbeit
Das Konzept des Empowerment stellt dem in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit noch immer verbreiteten defizitären Blickwinkel auf ein mit Mängel behaftetes Klientel eine Ausrichtung auf die Potenziale und Ressourcen der Menschen gegenüber. Im Vordergrund dieses Ansatzes steht die Stärkung (noch) vorhandener Potenziale und die Ermutigung zum Ausbau dieser Möglichkeiten. Empowerment im sozialpädagogischen Handlungsfeld versucht also Menschen bei der (Rück)Gewinnung ihrer Entscheidungs- und Wahlfreiheit, ihrer autonomen Lebensgestaltung zu unterstützen und sie zur Weiterentwicklung zu motivieren. Soweit es sich um die Arbeit mit z.B. alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und psychisch Erkrankten handelt, kann Empowerment bis zu einem höchst möglichen Maß an Autonomie führen, und die Betroffenen immer wieder motivieren, über erlebte und selbst gesetzte Grenzen hinauszugehen.
Soziokulturelle Animation
bezeichnet die gestalterische Beschäftigung mit bedürftigen Menschen in soziokulturellen Projekten. Dabei ist die Arbeit mit Einzelnen oder in Gruppen möglich. Sie wird gewöhnlich durch speziell dafür ausgebildete Soziale Arbeiter, zunehmend auch von KünstlerInnen, Kulturarbeiterinnen und ExpertInnen angrenzender pädagogischer wie therapeutischer Disziplinen, ausgeführt. Einzelne Menschen werden miteinander sozial und kulturell verbunden und gleichzeitig, bzw. dadurch, gemeinsame Aktivitäten im Hinblick auf individuelle Interessen und Anlagen organisiert und gefördert. In besonderer Weise wird das Individuum berücksichtigt; dessen Persönlichkeit und Zugehörigkeitsgefühl gestärkt. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die sozialen und kulturellen Aspekte gelegt, deren Entwicklungen in den Projekten beobachtet und professionell begleitet werden.
(Siehe u.a.: Norbert Herriger, Empowerment in der sozialen Arbeit, 2002, oder: Thomas Haug: "Das spielt (k)eine Rolle!" Theater der Befreiung nach Augusto Boal als Empowerment-Werkzeug im Kontext von Selbsthilfe, Stuttgart 2005. Haug betrachtet die Verbindung des Theaters von Boal mit der Selbsthilfe-Idee und dem Empowerment-Konzept, bietet eine Theoriediskussion, Methodenbeschreibung und konkrete Praxisanregung für die Soziale und Soziokulturelle Arbeit an.)
[edit] 3. Rückblick: „NICE TO MEAT YOU!“
- Szenen im Zeitalter von TERROR&COOLNESS (2004-2006)
Der erste Projektzyklus in der FLEISCHEREI - „NICE TO MEAT YOU! – Szenen im Zeitalter von TERROR&COOLNESS“ (2004-2006) - beschäftigte sich mit Globalisierung und Neoliberalismus und seinen Folgen auf zwischenmenschliche Beziehungen. Um sich der komplexen Problematik anzunähern wurden zeitgenössische österreichische AutorInnen wie petschinka, Margit Hahn oder Marlene Streeruwitz mit Auftragswerken betraut. Die AutorInnen stellten den gesellschaftlichen Umgang mit (dem) „Anderen“ und den sich wandelnden Demokratiebegriff zur Diskussion. Sie setzten sich mit persönlichen Erlebnisse der Globalisierung, mit Mobbing am Arbeitsplatz, Gewalt und Erfahrungen von Fremd-Sein auseinander und artikulierten Alternativen zu Ausgrenzungstendenzen im Wien nach 2001. (Förderung für die Uraufführungstexte kam jeweils vom BKA-Kunst/Literatur).
Die interkulturelle Praxis eines „erweiterten Theaterbegriffs“ in der FLEISCHEREI befruchtete die Zusammenarbeit der AutorInnen mit dem künstlerischen Team: interdisziplinäre KünstlerInnen aus 10 Ländern, die daran arbeiteten, den neuen Raum zu füllen und Texte so kritisch und unkonventionell wie möglich, d.h. jenseits elitärer Kunstkonzepte von Avantgarde im engen Dialog mit einem neuen Publikum und betroffenen Zielgruppen umzusetzen.
Zu ersten Experimenten der FLEISCHEREI zählten die theatrale Prozession „FLEISCH_Rezitation“ entlang der Burggasse mit Szenen im Gasthaus „Alderhof“, in leeren Schaufenstern und Geschäftslokalen zu den Themenkomplexen „Globalisierung“, „Polizeigewalt“ und „Mobbing am Arbeitsplatz“, ein „Orientalismus“-Projekt mit Texten von Else Lasker-Schüler und Marlene Streeruwitz (2005) oder das 240-stündige Heiner Müller-Happening „HERZ.stücke - 10 Tage 10 Nächte non-stop wohnen&arbeiten in der FLEISCHEREI“ (2005) mit Performance, Musik, Kochen, Schlafen, Workshops & Diskussion zum 10. Todestag von Heiner Müller, das über 1000 Menschen aller Altersgruppen, sozialer und ethnischer Provenienz anzog.
Ein zentraler methodischer Baustein auf der Suche nach soziotheatralen Formaten waren die gelungene Etablierung der wöchentlichen Kultserie „MÜLLERs mondays“ (2006), die seit Anfang 2006 jeden Montag Abend in der FLEISCHEREI stattfindet. KünstlerInnen des Ensembles und der freien Szene improvisieren nach ausgewählten Texten mit dem Publikum, lesen, musizieren oder diskutieren über aktuelle Themen. Das gemeinsame Suppekochen, Essen und Trinken trägt wesentlich zum soziokulturellen Erlebnis bei. Dieses Format wird ab Herbst 2006 in Form von Cooking-Shows zum Thema „Migration&Integration“unter dem Titel „migration mondays : KITCHEN STORIES“ (siehe weiter unten) fortgesetzt und inhaltlich vertieft.
„Was ist Volkstheater? - Es gibt zwei Theaterperspektiven. Theater ist für das Volk, wenn es die Welt aus der Perspektive des Volkes sieht, das heißt, in unaufhörlichem Wandle begriffen, mit allen Widersprüchen und der Bewegung dieser Widersprüche, wenn es die Wege zur Befreiung des Menschen zeigt. Diese Perspektive macht deutlich, dass Menschen , die durch Arbeit, Gewohnheiten, Traditionen versklavt wurden, ihre Situation ändern können. Diese Veränderung gilt es voranzutreiben.“
- Augusto Boal, „Theater der Unterdrückten, 1979
„Jeder kann schauspielen. Jeder kann improvisieren. Jeder, der den Wunsch verspürt, kann Theater spielen und lernen, ‚bühnenreif’ zu werden. Wir lernen durch Erfahrung und Erleben. Niemand bringt einem anderen etwas bei.“ - Viola Spolin, Improvisationstechniken
Forderungen für ein „Theater of Empowerment“:
• Neubesinnung auf Grundwerte (sozial)demokratischer Kulturpolitik, d.h. einen kritischen Pluralismus • Bekenntnis zum Theater der Aufklärung, der Emanzipation und Partizipation • Theater für die 95-99% der Bevölkerung, die nicht (mehr) ins Theater gehen • Erhaltung kultureller Vielfalt und autonom gewachsener Strukturen Wiens • Ende des Kulturkampfes zwischen globalen Strategien der Standortpolitik • Transparente Förderungsmodalitäten und pluralistische Beiräte mit sowohl ideologischer wie auch kulturtheoretischer bzw. künstlerischer Kompetenz • Interkulturelle Mittelvergabe, gemäß veränderter demografischer Realitäten • Verlassen der Elfenbeintürme und Eroberung des öffentlichen Raums • Überwindung von zynischem Zeitgeisttheater, entpolitisierter Performancekunst und elitärer event-Kultur • Das Ende der Entwurzelung lokaler Künstler und Gruppen durch die rein Konsum-orientierte Festivalisierung von Kunst & • Verweigerung neoliberaler Rationalisierung, Monopolisierung und Hierarchisierung in Kunst, Wissenschaft und Kultur nach Maximen von Sport und Wirtschaft (Ranking Gewinner/Verlierer) • Förderung von Nachwuchs durch gezielte Fort- und Weiterbildung, • Förderung von Theorie und Diskurs in der Kultur- und Kunstszene • Erhaltung freier Meinungsäußerung in einer pluralistischen Presse- und Medienlandschaft • Entwicklung soziotheatraler Arbeitsformate, die spontan und schnell auf Veränderungen der Gesellschaft zu reagieren imstande sind • Schaffung eines neuen „Volkstheaters“ !
„Die Demokratie existiert nur dann wirklich, wenn alle, die die Gemeinschaft ausmachen, ihre innersten Wünsche frei und kollektiv, in der Autonomie ihrer persönlichen Sehnsüchte und in der Solidarität ihrer Koexistenz mit anderen, äußern können und wenn es ihnen gelingt, das, was sie als individuelle und kollektiven Sinn ihres Daseins erkennen, in Institutionen und Gesetze zu verwandeln.“ - Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt
[edit] 4. Das Thema „Migration&Integration“
„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ - Rosa Luxemburg
Sozial und politisch stellt die Problematik der neuen „Völkerwanderungen“ und die Asylgesetzgebung europäischer Länder eine der großen Herausforderungen der Gegenwart dar. Die Dichotomien von „Gleichheit“ und/oder „Integration“ von ZuwanderInnen – wobei der Begriff „Integration“ oft dem Herrschaftsprinzip der „Assimilierung“ folgt - wird auch die Zukunft des weiteren europäischen Vereinigungsprozesses wesentlich mitbestimmen.
Die Frage ist: wird es gelingen, die von den Peripherien in die „Festung Europa“ drängenden Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihren Ländern vertrieben werden, aufzunehmen und zu menschlichen Konditionen zu „integrieren“ ohne ihre Identitäten auszulöschen? Oder wird sich Europa zunehmend auf einen regressiven und repressiven Nationalismus zurückziehen, kulturell abschotten und zu einer Insel der Eliten werden, die sich gezwungen sieht, ihre Privilegien mit undemokratischen, d.h. autoritären und/oder militärischen Mitteln zu schützen?
Menschliche Körper und kulturelle Identitäten stellen in unseren marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften reines „Material“ für die Produktion und profit-orientierte Marketingstrategien dar. „Natur“ und „Kultur“ werden als endlos und durch Maschinen und Medien unerschöpflich bearbeitbar betrachtet. Der sich verschärfende Demokratieabbau, die soziale Demontage und Entsolidarisierung sind begleitet von kultureller Verarmung, Grenzziehung und Diskriminierung gegenüber Menschen anderer Hautfarben, Identitäten und Kulturen.
Kulturell gesehen ist die zentrale Aufgabe der Zukunft die Herausbildung von erhöhter Akzeptanz des/der „Anderen“, d.h. einer heterogenen und interkulturellern Gesellschaft im erweiterten „Haus Europa“, wobei vorhandene Differenzen toleriert und als Bereicherung empfunden werden sollten.
„Die bisherigen Bestrebungen der österreichi¬schen Regierungen im Umgang mit Einwanderung waren nicht auf Willkommen ausgerichtet, sondern deutlich von der Ambivalenz geprägt, Arbeitskräfte zu benötigen, ohne aber neue Bürger ins Land auf¬nehmen zu wollen. Um ja nicht in den Verdacht zu geraten, ein Einwanderungsland zu sein - auch wenn Österreich seit langem ein solches ist (der An¬teil der im Ausland geborenen Wohnbevölkerung liegt über 10 Prozent) – hat man de bisherige Integrationspolitik nie unter dem Aspekt von Menschenrechten wie auch rechtlicher und sozialer Gleichstellung betrachtet.“ - „Down by Law-Integration als Drohung?”, Elisabeth Ebner, Max Koch, Österreichische Liga für Menschenrechte, Nr. 1, Okt. 2003
„Von den weltweit gezählten 191 Millionen Migranten – soviel wie nie – sind 95 Millionen Frauen. Sie alle, die ihr Land verlassen haben auf der Suche nach einem besseren Auskommen, sind jetzt als ein globaler Wirtschaftsfaktor für die Entwicklungsländer anerkannt worden. [...] Es sind schon lange nicht mehr nur die irregulären Einwanderer, die über den Rio Grande in die USA kommen, oder die angeblichen Asylantenstürme auf die ‚Festung Europa’. Migration ist tatsächlich ein globales Problem. Neben schlichter Ausbeutung ist der Menschenhandel noch immer nicht unterbunden, werden Frauen massenweise in die Prostitution gezwungen, sind Migranten überall rechtlicher Willkür ausgeliefert.“ - Frankfurter Rundschau, 7. September 2006, Thema des Tages (aus dem UN-Weltbevölkerungsbericht 2006)
[edit] 5.„ENE MENE MUH“ Projektbeschreibung
Pilotprojekte soziotheatraler Arbeit (2006-2008)
Mit dem Projektzyklus „ENE MENE MUH“ (2006-2008) eröffnet die FLEISCHEREI die Diskussionsplattform über ein neues soziotheatrale Arbeitsmodell mit Pilotprojekten in 5 Arbeitsformaten. Das Konzept schließt nahtlos an die globalisierungskritischen Brückenprojekte 2004-2006 unter dem Titel „NICE TO MEAT YOU! – Szenen im Zeitarlter von TERROR & COOLNESS“ an; dennoch markiert es einen Kurswechsel. Es setzt einen weiteren wichtigen Schritt hin zu einer Verschränkung theatraler und sozialer Aktivitäten im öffentlichen Raum, d.h. weg vom Primat elitärer avantgardistischer Kunstpraxen.
Seit Mitte 2006 sind eine Reihe neuer Arbeitsformate in Entwicklung: theatrale Prozessionen durch das Grätzel und in lokalen Gasthäusern und Betrieben, Talk&Cooking-Shows, Workshops & Diskursformate zum Thema „Migration&Integration“ mit Profis und Laien sowie Marathon-Kunstevents und Performances-in-process. Parallel dazu werden die Räumlichkeiten der FLEISCHEREI in einer 2. Ausbaustufe revitalisiert, um die attraktiven Kellergewölbe erstmals nutzbar zu machen.
Für die Saison 2006-2007 sind 5 soziotheatrale Arbeitsformate in Planung, die von innovativen Vermittlungsmethoden für ein nicht-Theater-gewohntes Publikum begleitet werden. Sie richten sich besonders an ausgewählte Zielgruppen - Jugendliche, ältere Menschen, Arbeitslose, AktivistInnen, MigrantInnen - im Bezirk und benachbarter Bezirke, in dem Versuch, die „Gläserne Grenze“ (Gürtel) zu sprengen. Für die Realisierung werden neue PartnerInnen und Sponsoren – von den Bezirksvorstehungen bis zur lokalen Wirtschaft – gewonnen und aktiv eingebunden.
Im Oktober 2006 werden zwei der neuen Arbeitsformate vorgestellt: „migration mondays: „KITCHEN STORIES 1-9“, regelmäßige jour-fixe events in der FLEISCHEREI, und „FLEISCHEREI_mobil“, theatrale Hochzeiten als lustvolle Interventionen in soziale Alltagsrituale mit Thema „Migration&Integration“. Beide Formate verwenden Texte der für die FLEISCHEREI neu erstellten Stücke von Charles Ofoedu („Ich bin ein echter Wiener!“) und Magda Woitzuck („Schicksal und andere Minidramen“) sowie Auszügen aus Elfriede Jelineks Stück, „Das Werk“ (2002).
Basis des Formats „migration mondays: „KITCHEN STORIES 1-9“ sind die seit Januar 2006 erfolgreichen Montag Abend open house events in der FLEISCHEREI unter dem Titel „MÜLLERs mondays“ nach Texten von Heiner Müller. Hier wurde 4 Monate lang von interdisziplinären KuratorInnen mit Strukturen theatralisierter Talk- und Cookingshows experimentiert, wurden szenische Lesungen, Improvisationen und Performances für geladene Zielgruppen wie auch PassantInnen geboten (zwischen 20 und 50 Menschen kamen von Januar bis Juni 2006 jeden Montag Abend in die FLEISCHEREI).
Für die Cooking-Shows von „migation mondays“ werden MigrantInnen eingeladen, die eine Speise aus ihrer Heimat kochen und gleichzeitig Szenen aus ihrer Migrations-Geschichte erzählen. Spontane Interaktionen mit dem Publikum werden ergänzt von einer kollektiven Elfriede Jelinek-Lesung und Berichten über die Produktionsweise und Migration typischer Grundnahrungsmittel. Die Shows werden live dokumentiert und über Monitore in den Stadtraum ausgestrahlt.
„FLEISCHEREI_mobil“ startet zeitgleich als Performance-Serie im „öffentlichen Raum“ von Gasthäusern des 7. und 8. Bezirks; Anfang 2007 wird die Serie dann in benachbarten Bezirken fortgesetzt. Zum Auftakt inszeniert die Schauspielerin und Sängerin Yap Sun Sun (Singapur) ein hochkarätig besetztes Hochzeitsritual mit asiatischen und österreichischen KünstlerInnen im Restaurant LUX (Spittelberg). Das Restaurant kocht für die interkulturelle Hochzeit ein acht-gängiges chinesisches Menü, das gemeinsam mit Schauspielern serviert wird und stellt den gesamten event live auf ihre website. Yap bringt in strukturierten Szenen die sozialen, politischen und kulturellen Konflikte binationaler Ehepaare unter Mitwirkung von VertreterInnen der Organisationen Asyl in Not, Ehe ohne Grenzen zum Ausdruck. „Hochzeitsgäste“ sind geladenes Publikum, Stammgäste des Lokals und alle Interessierten.
Charles Ofoedu inszeniert seine binationale Hochzeit in einem Gastlokal des 8. Bezirks, wo mit afrikanischen und österreichischen SchauspielerInnen eine komödiantisch-musikalisch verbrämte Show in Szene gesetzt wird. „Mischehen“ und „Scheinehen“ zwischen ÖsterreicherInnen und AusländerInnen verschiedenster Herkünfte eröffnen dramatische Szenarien, um soziale und kultureller Konflikte lustvoll zu bearbeiten. Neben professionellen SchauspielerInnen agieren Menschen, die als „Hochzeitsgäste“ geladen sind und unterschiedliche Positionen im Kräftespiel von Migration und Integration ins Spiel bringen.
Weitere Formate in Planung sind ein theatrales Hauptprojekt im Frühjahr 2007 mit dem Titel „ECHTE WIENER?“, Gastspiele in der FLEISCHEREI sowie eine langfristig angelegte Diskurs, Workshop & Training-Serie unter dem Titel „PerformanceDiskurs & Dokumentation“. Die folgende Darstellung gibt den Überblick.
[edit] 6. „ENE MENE MUH“ - Arbeitsformate & Methoden
Arbeitsformate (in Entwicklung):
1. migration mondays: Jour Fixe events jeden Montag bei freiem Eintritt Ort: FLEISCHEREI, Ziel: Offenheit, Partizipation, Kontinuität=Präsenz im Bezirk
2. FLEISCHEREI_mobil: soziotheatrale Rituale 1x alle 2-3 Monate im öffentlichen Raum des 7., 8., 15. und 16. Bezirks (Gasthäuser, Restaurants, Ladenlokale) Ort: „Außenstellen“ der FLEISCHEREI, Ziel: Integration von Zielgruppen, Bezirksübergreifendes Arbeiten, Neudefinition sozialer Rituale im theatralen Spiel, soziokulturelle Langzeitwirkung. Kontakt und Kooperation mit der lokalen wirtschaft und Organisationen im Bezirk (z.B. „Hilfswerk“)
3. Performance-in-process: ein theatrales Hauptprojekt 1x pro Jahr (jeweils im Frühjahr oder Herbst), soziotheatrale Prozession oder Marathon-performance im Bezirk nach dem Muster des Kultevents „HERZ.stücke“ (2005) Ort/e: FLEISCHEREI & öffentlicher Raum, Ziel: Zusammenführung der Forschungsergebnisse aus allen Projektformaten, Verdichtung interdiszplinärer und genreübergreifender und soziotheatraler Erfahrungen, Erprobung von Enthierarchisierungsprozessen durch kollektive Regieteams, Einbindung von KünstlerInnen der freien Szene
4. FLEISCHEREI_performance on wheels (Gastspiele, Tours, on-the road Projekte, internationale Festivals): unregelmäßig & on demand. Ort/e: FLEISCHEREI, benachbarte Veranstaltungsorte (z.B. Kosmostheater, 7*, Amerlingshaus), Festivalorte im In- und Ausland, Ziel: Weiterentwicklung der primär theatrale orientierten Performance-Arbeit, Infusion mit soziotheatralen Erkenntnissen und site-spezifische Methoden (s. SCHIELEwerkstattFESTIVAL in Neulengbach, NÖ, oder ILéMOUVANTE in Sant’ Antonino, Korsika).
5. FLEISCHEREI- PerformanceDiskurs, Trainings & Dokumentation (interdisziplinärer Austausch): regelmäßige Trainingseinheiten in der FLEISCHEREI, ergänzt von Diskussionen mit KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen. Ort: FLEISCHEREI, Ziel: Entwicklung von Theorie und Praxis für soziotheatrale Arbeit in Wien, Aus- und Fortbildung künstlerischer MtiarbeiterInnen zu LeiterInnen soziotheatraler Projekte, Austausch mit KollegInnen im In- und Ausland, Diskussion der Arbeitsergebnisse, Workshops.
Theoretische Grundlagen (geladene ExpertInnen):
1. Neue Arbeit Neue Kultur (Frithjof Bergmann, Franz Nahrada) 2. Soziokulturelle Animation (Freizeitpädagogik 7 Michel Voisard u.a.) 3. Open Space Technologies (Markus Distelberger u.a. nach Harrison Owen) 4. Gewaltfreie Kommunikation (Julia Strauhal nach Marschall B. Rosenberg) 5. For-Giving – patriarchatskritische Modelle der Geschenkökonomie (Claudia von Werlhof u.a. nach Géneviève Vaughan) 6. Systemische Familien-, Struktur- und Organisationsaufstellungen (Manuela Mätzener&Babak Kaweh, Matthias Varga v. Kibéd&Insa Sparrer u.a.) 7. Migrations- und Integrationsforschung (eif – Institut für Europäische Integrationsforschung der Österr. Akademie der Wissenschaften, Sonja Puntscher Riekmann, Bernhard Perchinig, Rainer Bauböck)
Auswahl angewandeter Theatertechniken (LeiterInnen des Trainings):
1. Theatrale Kommunikation & Theaterspiel (Viola Spolin, Keith Johnston/Kooperation mit Clemens Matzka&Georg Schubert/das TAG) 2. Viewpoints of Performance (Mary Overlie, Anne Bogart/Tina Landau – New York; Eva Brenner, Corinne Eckenstein, Beate Göbel, Maren Rahmann - Wien) 3. Grotowskis River-Arbeit (nach Steve Wangh/USA “An Acrobat of the Heart” - Eva Brenner, Beate Göbel, in Kooperation mit Theater ASOU Graz ) 4. Forum- und Erzähltheater (Augusto Boal, Michael Wrentschur/Kooperation mit InterACT Graz) 5. Elemente modernen Strassentheaters (Tom Zabel & Gruppe „du & nichts“)
Partnerorganisationen im 7. Bezirk und Nachbarbezirken:
1. Hilfswerk (Nachbarschaftszentrum Schottengasse) 2. Amerlinghaus (Kulturzentrum) 3. Schulen im Bezirk, z.B. Nôtre Dame de Sion 4. Pädagogisches Gymnasium Burggasse 5. Musikgymnasium Neustiftgasse 6. SOS Mitmensch (NGO) 7. Asyl in Not (NGOs) 8. Ute Bock und Asylorganisationen (NGOs) 9. ÖKS - Kooperationen 10. Die Gruft (Obdachlosenorganisation)
Ziel aller Arbeitsformate ist: Werkstattcharakter, Offenheit, Prozesshaftigkeit, Präsenz, Kontinuität, Partizipation, Nachbarschaftlichkeit, Nachhaltigkeit!
"Wir sind nicht frei. Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen.
Und das Theater ist dazu da, uns zunächst einmal dies beizubringen."
Antonin Artaud, "Das Theater und sein Double", 1964
[edit] 7. Arbeitsphasen 2006-2007
Herbst 2006
Testphase für Arbeitsformate des neuen soziotheatralen Modells: Vorgestellt werden 4 Pilotprojekte in der FLEISCHEREI in Kooperation mit sozialen und kulturellen Organisationen des 7. und 8. Bezirks:
1. „migration mondays : KITCHEN STORIES 1-9“, theatrale „Cooking Shows“ mit MigrantInnen aus 13 Ländern, ergänzt durch kollektive Lesungen aus Elfriede Jelineks Stück „Das Werk“: jeden Montag Abend ab Oktober in der FLEISCHEREI, pay as you wish
2. „FLEISCHEREI_mobil“ – soziotheatrale Rituale an „Außenstellen“ – 2 interkulturelle Hochzeiten inszeniert von migrantischen KünstlerInnen der FLEISCHEREI in Gasthäusern des 7. und 16. Bezirks
3. Performance-on-wheels – Gastspiele in der FLEISCHEREI: • „Auf diesem dunkelnden Stern“, SOLO-Performance mit Maren Rahmann nach Texten von Ingeborg Bachmann (4.-6. Oktober 2006) • „Man(n)wirdmensch“, Performance-in-process über gesellschaftliche Konditionierungen, Rollenklischees und die Dekonstruktion männlicher Selbstbilder - mit und von Stefan&Philipp Lirsch (1.& 2. Dezember 2006)
4. PerformanceDiskurs, Workshops & Training:
- Gleiche Rechte statt Integration!* - 4 Gespräche (September 2006)
Diskussionsveranstaltungen in der FLEISCHEREI zum Thema „Migration&Integration“ mit MigrantInnen und ExpertInnen von NGOs aus Wien (Asyl in Not, SOS-Mitmensch, etc.)
Frühjahr 2007
Fortsetzung soziotheatraler Pilotprojekte in der FLEISCHEREI, in Kooperation mit sozialen und kulturellen Organisationen des 7., 8. und 16. Bezirks. Präsentation eines weiteren Arbeitsformats - „Performance-in-processs“ stellt als theatrale Hauptproduktion bis dahin erzielte Ergebnisse aus allen soziotheatralen Experimenten zusammen und stellt sie dem Publikum vor.
1. „migration mondays : KITCHEN STORIES 1-9“, 8 theatrale „Cooking Shows“ mit MigrantInnen, ab Februar bis April 2007, jeden Montag ab 19 Uhr in der FLEISCHEREI, pay as you wish
2. „FLEISCHEREI_mobil“ – soziotheatrale Rituale an „Außenstellen“ – 2 interkulturelle Hochzeiten inszeniert von einem Kuratorenteam migrantischer KünstlerInnen der FLEISCHEREI in Gashäusern des 7., 8. , 15. und 16. Bezirks
3. Performance-in-process: theatrales Hauptprojekt in der FLEISCHEREI „ECHTE WIENER?“ Geplant ist eine soziotheatrale Prozession zum Thema „Migration&Integration“ in enger Zusammenarbeit der RegisseurInnen Eva Brenner (A/USA), Corinne Eckenstein (CH, fe/male polaroids) und Charles Ofoedu (Nigeria) mit Texten von Charles Ofoedu, Magda Woitzuck und Elfriede Jelinek. Das Projekt beginnt in der FLEISCHEREI, wo die spektakuläre Neugestaltung der Fassade als überdimensionaler „Käfig“ als Anziehungspunkt fungieren soll (s. Beschreibung unten). Hinter den versperrten Auslagen öffnet sich der Raum zu einer gemütlichen „Lounge“ im Stil der 70er Jahre, die einlädt zu Spielen, Diskussionen und Improvisationen. Von hier aus unternehmen 5 Tourgruppen unter Leitung einer/eines KünstlerIn sog. „Ausflüge“ zu ausgewählten Orte migrantischer Organisationen des 7. Bezirks,. Dort wird das Publikum Teil theatraler Szenen zum Thema „Migration&Integration“, wobei auch die Strasse als „Bühne“ einbezogen wird. Die Gruppen finden am Ende im Gasthaus „Adlerhof“ wieder zusammen um den Erzählungen des Wirts , der ein ungarisches „Gastmahl“ serviert, über seine Flucht aus Ungarn 1956 zu lauschen.
4. PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation • Fortsetzung der Gesprächesreihe über „Migration&Integration“ • 2. Staffel interaktiver Workshops &Trainings Sessions für Profis und Laien. An Wochenendterminen in der FLEISCHEREI sowie auf Einladung an Orten im Bezirk, z.B. im „Hilfswerk“.
Herbst 2007
1. „migration mondays : KITCHEN STORIES 1-9“, 8 theatrale „Cooking Shows“ mit MigrantInnen, ab Oktober 2007 jeden Montag ab 19 Uhr in der FLEISCHEREI, pay as you wish
2. „FLEISCHEREI_mobil“ – soziotheatrale Rituale an „Außenstellen“ – Tanzschulstunden in Gastzimmern lokaler Restaurants und Gasthäuser des 7. und 16. Bezirks. Der klassische Tanzlehrer Oliver Sowa und die zeitgenössische Choregraphin & Bewegungstrainerin Sibylle Starkbaum werden je eine über 8 Wochen laufende „Tanzschule“ einrichten in allgemein zugänglichen Gasthäusern der Bezirke. Dort finden bei freiem Eintritt jeweils am verlängerten Wochenende Tanzstunden und gemeinsam erarbeitete öffentliche Improvisationen und Performances statt, die neben spontanem Material auch Szenen zum Thema „Migration&Integration“ beinhalten. Untersucht wird – anhand verschiedener bekannter und neuer Tänze – die kulturelle Herkunft und as Entwicklungspotential von Tanz und entsprechender Musik (z.B. Tango, Samba, Breakdance...).
3. PerformanceDiskurs, Training & Dokumentation – • Fortsetzung der Gesprächesreihe über „Migration&Integration“ • 2. Staffel interaktiver Workshops &Trainings Sessions für Profis und Laien. An Wochenendterminen in der FLEISCHEREI.
[edit] 8. Neue Texte: Charles Ofoedu & Magda Woitzuck
Magda Woitzuck „Schicksal & andere Strories“ (2006) - Die junge niederösterreichische Autorin steht mit knapp 23 Jahren am Beginn ihrer Karriere. Sie gewann kürzlich den Siemens Jugendliteraturpreis.
Charles Ofoedu „Ich bin ein Echter Wiener!“ (2006)
- Der bekannte nigerianisch-österreichische Autor, PEN-Klub Mitglied und Aktivist ist im Zuge der Staatsaffäre „Operation Spring“(1999) unrechtmäßig verhaftet und als Drogenboss diffamiert worden. Zugleich wurden seine Werke von der Österreichischen Nationalbibliothek angekauft.
Die zwei AutorInnen schreiben neue Texte für die FLEISCHEREI. Sie setzen sich aus persönlicher Sicht mit ihrer Erfahrung von „Ausgrenzung“ & „Integration“ auseinander und beziehen ihre Arbeit auf thematische wie ästhetische Parameter von Jelineks Werk. Beide Stücke/Performances machen Gebrauch von der Dualität „innen“/“außen“, d.h. von der architektonischen Beschaffenheit des Ladenlokals FLEISCHEREI mit seinen großen Schaufenstern auf die Straße. Die divergente Erfahrung, „Insider“ oder „Outsider“ in der Gesellschaft zu sein, wird textlich und räumlich erfahrbar gemacht.
„What is, however, troubling is that the telephone books are blaspheming our names, making them sound foreign as though we were outsiders or immigrants and not Echter Wiener. Stupid yellow pages of books that are betrayers, wanting to expose us; they should rather be burned and destroyed; we are by all means Echter Wiener. […] Where has the Schönbrunner Deutsch gone? Fine German language that was just like Queen English, and was spoken by the Adelige, who spoke through their nose, raised up into the air.“
- Charles Ofoedu, “Ich bin ein Echter Wiener”, Stückentwurf 2006
„Ich entdecke ein blitzendes Namensschild an seiner Brust. Said. „Said.“, sage ich, nur um auszuprobieren, wie es klingt. Er schickt mir einen warmen Blick von unten.„Sa-jid. So spricht man es aus.“, meint er leise. „Sa-jid. Alles klar. Ich bin Sara. Sara ohne H.“„Auch mit wären Sie hübsch.“, höre ich leise. Es ist fast so, als ob er es gar nicht gesagt hätte. Als ob ich es mir eingebildet habe. [...] Er stellt das Glas vor mir ab. Ich entdecke kleine schwarze Härchen auf seinen Fingergelenken. [...]“ - Magda Woitzuck, „Schicksal“, Dramatische Skizze 2006
[edit] 9. Die Biografien der AutorInnen
Charles Ofoedu (Obiora C-Ik Ofoedu) Geboren am 28. 2. 1960 in Port Harcourt, Nigeria. Ausbildung am Institute of Management and Technology in Enugu. Danach Tätigkeit als Redakteur, Zeitungsherausgeber, Beamter, Unternehmer. Seit 1991 Fortführung der Studien in Wien (Anglizistik, Publizistik, Politik-wissenschaften). Daneben Tätigkeit als Journalist und Künstler - Auftritte mit der Dramatisierung eigener Gedichte und mit seiner Theatergruppe im Künstlerhaus, Literaturhaus und Theater des Augenblicks, vor der UNO, im WTJK, im Rathaus und in der Stadthalle. Publikation einiger, in englischer Sprache verfassten Gedichte in den amerikanischen Anthologien Poetic Voices of America (1996/97), Daybreak on the Land (1996), und Who is Who in New Poets (1996). Seit 1998 Künstlervisum für Österreich. Menschenrechts-aktivist, Obmann des Vereins „Die Bunten" (Verein für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie) 2000-2001. Obiora C-Ik Ofoedu schreibt vor allem in englischer Sprache, seltener in Deutsch. In seinen Gedichten und Romanen beschreibt er die gegenwärtige Situation in Afrika, afrikanische Mythen, die Situation von Afrikanerinnen in Österreich und die Folgen von Vorurteilen gegenüber Minderheiten. Diverse Materialien und Manuskripte wurden vom Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek angekauft.
Magda Woitzuck Geboren am 11. September 1983 in Wien. Preise: 2001, 2002, 2004 Award 4 You der Kremser Bank. 2004 Siemens Jugendliteraturpreis. Lesungen: in Krems, Langenlois, Fratres, Rabenstein, St. Pölten und Wien meist im Rahmen einer Veranstaltung des Literaturhauses Niederösterreich aber auch mit dem Celtic Folk Duo, und dem Projekttheater, w Wien-New York. Veröffentlichungen: DUM (das ultimative Magazin) und in einer Jungautorenanthologie die bei der Edition Aramo des Literaturhauses Niederösterreich erschienen ist. Ausgedehnte Auslandsaufenthalte. Zur Zeit Studium der Literaturwissenschaften in Wien.
[edit] 10. Metatext: „Das Werk“ von Elfriede Jelinek (2002)
„Ich habe in diesem Stück, das dem ver¬storbenen Einar Schleef gewidmet ist, versucht, etwas über »den« Arbeiter zu schreiben. Der Sportler wie der Arbeiter sieht in den Bergen einerseits Herausforde¬rung, andrerseits Arbeitsgerät. Die einen betätigen sich zum Spaß an den Bergen (und können schrecklich scheitern), die anderen vollbringen ein monströs-gigan¬tisches Aufbauwerk. Ein Gutteil der österreichischen Identität nach dem Krieg, als das Land rasch wieder für frei und unschuldig erklärt wurde, beruhte auf dieser technischen Großleistung. Kaprun wurde mit Geldern des Marshall-Plans im Jahr des Staatsvertrags 1955 fer¬tig gestellt und zog einen langen Rattenschwanz an na¬tionalen Mythen hinter sich her, die aber buchstäblich auf den Gebeinen und der Ausbeutung von Getöteten beruhten, und die Getöteten wurden der Natur ge¬opfert, sehr viele starben ja durch Lawinen. [...] Zusammenfassend könnte man vielleicht sagen, diese drei Stücke seien Stücke über Natur, Technik und Ar¬beit. Und alle münden sie ins Unrettbare, gebaut auf Größenwahn, Ehrgeiz und Ausschluß und Ausbeutung von solchen, die »nicht dazugehören«.- Elfriede Jelinek, Nachbemerkung, in: In den Alpen, 2002
„... Die tödliche Be¬lehrung des Kampfes wurde zur tödlichen Belehrung der großen Baustellen und deren Gegenstück, der gro¬ßen Schuttplätze, wo endlich wieder Kameradschaft herrschte [...] Die Verwandtschaft von Tier und Mensch, ich meine von Ausländer zu Ausländer, welche heute einmal die Tiere verkörpern dürfen, in entsprechend ansprechenden Kostümen, und außerdem noch von Mensch zu Ausländer, welcher dann ausnahmsweise einmal den Menschen verkör¬pern darf ? [...] Die Sonne geht auf. Eine Vielfalt der Nationen beim Bau geht unter, manche davon freiwil¬lig, die meisten nicht, vom Willen der Macht über das Fleisch wie über den Beton sind alle beseelt. Und die, die gar keine Seele haben, weil ihre Beschäftigung kei¬nen Transfer von Investitionskapital mit sich gebracht hat, ja die, die brauchen wir nicht. ...“ - Elfriede Jelinek, Das Werk: in: In den Alpen, Berlin Verlag, 2002.
„Ich erziele in einem Stück verschiedene Sprachebenen, indem ich meinen Figuren Aussagen in den Mund lege, die es schon gibt. [...) Ich schlage sozusagen mit der Axt drein, damit kein Gras mehr wächst, wo meine Figuren hingetreten sind.“ – Elfriede Jelinek, in: Theaterzeitschrift 7, 1984
[edit] 11. Detailliertes Arbeitsprogramm
Oktober 2006 – Juni 2007
[ARBEITSFORMAT 1. migration mondays.]
“migration Mondays : KITCHEN STORIES 1-9” jeden Montag ab 19:00 Uhr, 9 soziotheatrale Cooking-Shows mit biografischen Erzählungen von MigrantInnen in der FLEISCHEREI & im öffentlichen Raum, pay as you wish Texte: Charles Ofoedu (2006) , & Magda Woitzuck (2006) und Auszüge aus Elfriede Jelineks „Das Werk“ (2000) Kuratorin: Christiane Schnell (A)
Mit „migration mondays : KITCHEN STORIES“ 1-9 setzt das Team der FLEISCHEREI die wöchentliche Kultserie in Form interdisziplinärer Open House events zu aktuellen Themen fort. 9 interkulturelle Ensembles präsentierten „theatrale Cooking Shows“ mit MigrantInnen aus 13 verschiedenen Ländern. KünstlerInnen der FLEISCHEREI führen als GastgeberInnen durch den Abend und beziehen auch das Publikum mit ein. Die Gäste kochen eine typische Speise ihres Herkunftslandes und erzählen dabei Geschichten ihrer Flucht/ihres Exils. Der „Migration“ der Menschen wird die „Migration“ (Nahrungskette) des verwendeten Grundnahrungsmittels gegenübergestellt. Eine chorische Lesung aus Elfriede Jelineks Stück „Das Werk“ (2002) und das gemeinsame Essen und Trinken beschließen das Programm. Jelineks Text „Das Werk“ stellt ein in der 2. österreichischen Republik weitgehend verdrängtes Trauma zur Diskussion - beim Bau des Kraftwerks Kaprun kamen ungezählte ausländische Zwangsarbeiter ums Leben - und schafft die historische Perspektive auf die neuen Völkerwanderungen.
PROGRAMM OKTOBER 2006 2. Okt. Werner Rotter (A, ÖNB) mit Beatrice Achaleke, Obfrau von SFC Schwarze Frauen Community (Karmerun) 9. Okt. Birgit C. Krammer (CH) mit Clélia Colonna (F) 16. Okt. Agorita Bakali (GR, zenith productions) mit Olga Hermine Kessaris (GR) 23. Okt. Corinne Eckenstein (CH, fe/male polaroids) mit Nuray Ammicht (TR) 30. Okt. Katka Csanyiova (SK) mit Preeyanetr Dauth (Thai)
PROGRAMM NOVEMBER 2006 6. Nov. Maren Rahmann (D) mit Barrie Aboulai (Sierra Leone) 13. Nov. Jakub Palacz (PL) mit Tomácz Gluc (PL) 20. Nov. Eva Brenner (A/USA) mit Deborah Gzesh (USA, Tschik Tschak Festival, zenith productions) 27. Nov. Sibylle Starkbaum (A) mit Abadelrahman Hawi (IRAQ)
„Dieses Europa hat keine andere Utopie als jene, die sich zwangsläufig aus den Unternehmensbilanzen und Buchführungen ergibt, kein positives Projekt, nur das der shareholdes, denen es nur och um maximale Renditen geht, denen Bildung und Kultur nur noch als Produktionsfaktor in den Sinn kommen ... Es ist höchste Zeit, die Voraussetzungen für den kollektiven Entwurf einer sozialen Utopie zu schaffen...“
- Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, 1998
[ARBEITSFORMAT 2.
FLEISCHEREI_mobil.]
„HELP YOURSELF, MARRY ME!“ – theatrale Hochzeitsrituale
im 7., 8. , 15. & 16. Bezirk, Okt. -Dez. 2006
KuratorInen: YAP Sun Sun (SING), Charles Ofoedu (NG), Emel Heinreich (A/TR)
Texte: Elfriede Jelinek, Charles Ofoedu & Magda Woitzuck
Performance: SchauspielerInnen der FLEISCHEREI, MigrantInnen, Gäste
Drei KuratorInnen migrantischer Herkünfte (Singapur, Nigeria und Türkei) leiten drei interkulturellen Ensembles und arbeiten in enger Kooperation mit der lokalen Wirtschaft und lokalen sozialen und kulturellen Organisationen. Auf der Basis von Improvisationen, realen Biografien und erzählter Geschichten entstehen theatrale Strukturen und Skizzen mit neuen literarischen Texten, die dann mit dem Publikum in „real time“ weiter entwickelt werden. Sie thematisieren typische Konflikte von MigrantInnen verschiedener Herkünfte und Traditionen und gegen Einblick in ihre schwierige Lebenssituation. Aktuelle Diskurse über „Migration&Integration“ in Politik, Medien und Kunstszene sollen im Performance-Erlebnis sinnlich neu erfahrbar werden. Unter die geladenen „Hochzeitsgäste“ mischen sich die Schauspieler wie auch das Stammpublikum. Das Theater sprengt den auratischen „Kunst“-Rahmen und erhält seine vitale Funktion als soziales Ritual wieder. Die „Hochzeitsspende“ gilt als Eintritt.
13. Oktober 2006 - 1. interkulturelle Hochzeit: Asiatische MigrantInnen im 7. Bezirk Ort: Restaurant LUX, Spittelberggasse. 3, 1070 Wien Kuratorin/Regie: Yap Sun Sun (Singapur) / Andreas Papmperl (A) Performance/Mitwirkende: Chung Yating (RC), Shuqi (PRC), Eva Lorenzo(S/D), Jella Jost(A), Jutta Schwarz (A), Maren Rahmann (D),Christina Haas(A), Yap Sun Sun (SG), Katka Csynyiova (SK) MigrantInnen, Gäste, Ehe Ohne Grenzen, Asyl In Not, SOS Mitmensch
Yap Sun Sun (Schauspielerin, Sängerin) lebt seit fünf Jahren in Wien, wo sie nach ihrer Arbeit mit dem „Workcenter of Jerzy Grotowski and Thomas Richards“ in Italien und Engagements in Asien und Europa ihre eigene Performance Arbeit verfolgt. Menschen werden in der ganzen Welt verheiratet: aus Liebe aber auch aus wirtschaftlichen Gründen! Gerade die „Heiratspolitik“ hat in Österreich lange Tradition. Die BesucherInnen erleben eine lustvolle interkulturelle Hochzeit mit einem acht-gängigem Chinesisch/österreichischen Menü erleben, in der die komisch tragische Umgangsweise mit dem „Fremden“ - von der niemand gänzlich ausgeschlossen ist - immer wieder wie eine Krankheit ausbricht.
8. Dezember 2006 - 2. interkulturelle Hochzeit: Afrikanische MigrantInnen im 8. Bezirk Kurator/Regie: Charles Ofoedu (Nigeria) Performance: Uta Wagner (B), Nana-Gyan Ackwonu (Ghana), MigrantInnen, Gäste Ort: Tunnel, Florianigasse 39, 1080 Wien
Charles Ofoedu (Autor, Aktivist) stammt aus Nigerien und lebt seit ca. 15 Jahren in Wien. Er ist österreichisches PEN-Mitglied, Essayist, Buch- und Theaterautor und hat als Theaterregisseur zahlreiche Projekte mit MigrantInnen realisiert. Seine „Hochzeit“ arbeitet mit Mitteln der Komödie, der Satire und Persiflage, um aktuelle politische und soziale Probleme von Integration auf die Spitze zu treiben. Er verwendet Auszüge aus seinem neuen Stück „Ich bin ein echter Wiener“ sowie junge afrikanische DJ-Musik.
“Integration that is based on isolation and segregation is integration that is basing on discrimination“
- Charles Ofoedu („Ich bin Ein Echter Wiener!“, 2006)
VORANKÜNDIGUNG 2007 – 2. Staffel interkultureller Hochzeiten Türkische MigrantInnen im 15. & 16. Bezirk, Kuratorin/Regie: Emel Heinreich (A/TR)
Zu Beginn des Jahres 2007 inszeniert die österreichisch-türkische Künstlerin Emel Heinreich (Schauspielerin, Maskenkünstlerin) ein „orientalisches“ Hochzeitsfest mit türkischen Jugendlichen der 2. Generation in Wien, das eingebettet ist zwischen „real-life“ und Fiktion, Theater und Ritus. Im Mittelpunkt steht die kultureller Ortlosigkeit und Zerrissenheit vieler migrantischer Jugendlicher, die besonders von Problemen der Integration betroffen sind, und Impressionen aus dem Leben der Künstlerin selbst. [ARBEITSFORMAT3. Performance on wheels.]
Gastspiele befreundeter KünstlerInnen haben zum Ziel, die Auseinandersetzungen mit dem Thema „Migration&Integration“ zu vertiefen und neue Aspekte soziotheatraler, partizipatorischer und „site-spezifischer“ Theaterpraxis zur Diskussion zu stellen. Zwei Gastspiele im Herbst 2006 bilden den Auftakt:
„Auf diesem dunkelnden Stern“, eine Solo-Performance von Maren Rahmann (D) nach Texten von Ingeborg Bachmann, montiert einen repräsentativen Querschnitt aus dem Werk zu einer neuen Sicht auf die Autorin, die dem Mythos vom Scheitern den aktiven Widerstand entgegensetzt. Verwendet werden Gedichte, Auszüge aus Reden, Essays und dem Roman „Malina“. Die international eingeladene Performance „man(n) wird mensch“ der Brüder Philipp und Stefan Lirsch (A) zeigt eine provokant-kritsche Dekonstruktion gängiger Rollenklischees und Selbstbilder vom Mann-Sein anhand eigener Erfahrungen sowie Erkenntnissen aus der Männerforschung - von Autos, Fußball und Computern über Frauen, Arbeit, Spaß und Wettkampf bis zu Alkohol, Sex und Fernsehen...
In Planung für 2007 sind weitere Gastspiele von und mit Toni Silver (New York), Jaroslav Korán & Orchester (Prag) und Jakub Palacz & Band (Krakau). [ARBEITSFORMAT 4. Performance in process.]
Für das Frühjahr 2007 ist ein Revival der 2004 erfolgreichen theatralen Prozession „FLEISCH_Rezitation“ durch den 7. Bezirk geplant, die mehrere „Außenstellen“ wie auch die Räume der FLEISCHEREI einbeziehen: das Gasthaus Adlerhof, SOS-Mitmensch, das Kutlurzentrum 7*, das Amerlingbeisl, Auslagen des Projekts „Wolke 7“ u.a. (siehe weiter oben).
Wie das Projekt „FLEISCH_Rezitation“ (2004) bereits gezeigt hat, existiert bei vielen Menschen ein Bedürfnis nach neuen Kunst- und Lebensräumen, die ohne Hemmschwelle zugänglich sind und die zur direkten Interaktion einladen. Durch die Raumgestaltung der FLEISCHEREI als offener Begegnungsort und die Bespielung der Schaufenster wie des angrenzenden öffentlichen Raums wird Terrain für neue Inter/Aktionen eines neuen Publikums gewonnen: nicht nur TheaterbesucherInnen fühlen sich angezogen, sondern auch PassantInnen werden animiert, einzutreten, mit zu essen, zu trinken, zu diskutieren und an den Kunstaktionen teilzunehmen. Dazu trägt die Direktübertragung von Text, Ton, Video und Musik aus dem Inneren auf die Strasse bei. Ziel ist die lustvolle Grenzüberschreitung von “Theater“ und „Leben“ als kreative Versuchsanordnung zur Schaffung neuer kultureller Freiräumen für KünstlerInnen und Menschen, die im Bezirk leben und arbeiten.
[ARBEITSFORMAT 5.
PerformanceDiskurs,Workshop
& Dokumentation.]
Von Oktober 2006 bis Juni 2007 wird eine monatliche „Werkstatt für Wissenstransfer“ in der FLEISCHEREI eingerichtet. Sie dient der Diskussion und zur Vermittlung soziotheatraler Techniken und zur Weitergabe theoretischer wie praktischer Kenntnisse an KünstlerInnen, die in Zukunft mit soziotheatralen Techniken arbeiten wollen. In Planung sind regelmäßige Klausuren mit SoziologInnen, PädgogInnen, TherapeutInnen und MediatorInnen zum Austausch über neuere Theorien aus der angewandten Soziologie, Sozialarbeit, Theater-, Ritual- und Kulturwissenschaft, die sich für soziotheatrale Arbeit eignen.
Eingeladen sind vorerst jene TheoretikerInnen und PraktikerInnen, deren Thesen und Arbeitspraxen zur Entstehung des vorliegenden Konzepts beigetragen haben: Frithjof Bergmann, Franz Nahrada, Peter Kreisky, Peter Lehner, Bernhard Perchinig, Claudia von Werlhof, Walter Baier, Géneviève Vaughan, Michael Hüttler, Nigar Hasib, Marko Ilic, Heinz Hoffer, Werner Rotter, Michael Wrentschur, Clemens Matzka, Georg Schubert, Beate Göbel, u.a.
Angeschlossen an die Diskurse sind praktische Workshops zu Themen soziotheatraler Arbeit – z.B. Improtheater, Viewpoints-Arbeit, Theater der Unterdrückten, Aspekte des zeitgenössischen Straßentheaters. Sie wenden sich primär an Zielgruppen (Profis und Laien) wie Schüler, Jugendliche, Pensionisten, Arbeitslose und finden an verlängerten Wochenenden in der FLEISCHEREI statt. Die Workshops bieten einfach zugängliche Formate der theatralen Partizipation und des Kreativitätstrainings an. Lehrmethoden entstammen dem internationalen Kanon des „Physical Theater“ und verbinden - im Gegensatz zu traditionellen Theaterkursen - experimentelle Techniken eines erweiterten Theaterbegriffs mit soziotheatralen Erkenntnissen, die aus der Recherche der FLEISCHEREI hervorgehen. Zur Präzisierung der Workshoparbeit mit diversen Zielgruppen werden Vorgespräche mit Organisationen im Bezirk geführt.
[edit] 12. Der „Raum“ als soziotheatrale Plastik
Neue Raumgestaltung in der FLEISCHEREI für das Theatrale Hauptprojekt „ECHTE WIENER?“ – Frühjahr 2007
Für das theatrale Hauptprojekt im Frühjahr 2006 der FLEISCHEREI „ECHTE WIENER?“, das auf den Uraufführungstexten von Charles Ofoedu und Magda Woitzuck basiert, wird die FLEISCHEREI in einen kommunikativen Erinnerungs- und Warteraum umgestaltet. Dieser soll ein neues Ambiente für die BesucherInnen der FLEISCHEREI bieten und auf humorvoll-ironische Weise Ausgrenzungstendenzen und Selektionsmechanismen unsere Gesellschaft thematisieren: Die großen Schaufenster zur Strasse werden mit dem metallenen Schlachttisch quer „vernagelt“, der seit Eröffnung des Raumes sowohl Performance- als auch Diskussions-Plattform als auch Esstisch dargestellt hat. Die „versperrte“ und gewissermaßen dem „Geheimnis“ preisgegebene Frontstellung der FLEISCHEREI setzt ein amüsantes Spiel mit Transparenz und Intransparenz in Gang. Es soll Interesse wecken, nachzufragen, was sich hinter der Fassade verbirgt, und Lust darauf machen, einzutreten, mit zu machen. Die veränderte „Auslagengestaltung“ ist ein Störfaktor im Stadtbild und vielseitig nutzbar als Kulisse und Projektionsfläche medialer und theatraler Interventionen im öffentlichen Raum.
Gemeinsames Warten, Spielen und Erinnern sind hier als Zustände der Kommunikation, des Spiels und der Muße gesetzt: während gewartet wird findet Austausch statt, wobei das angestrebte soziale Austauschverhältnis in der FLEISCHEREI Subsistenz – und nicht Konsumorientiert ist. Im „Open Space“ können unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Erfahrungen ausgetauscht, in strukturierten Diskussionen und theatralen Szenen kann die Realität als „soziale und mediale Inszenierung“ mit spielerischen Mitteln untersucht und erkannt werden.
Das veränderte äußere Erscheinungsbild der FLEISCHEREI als multipler „Käfig“, der von zwei Videofenstern nach innen durchbrochen ist, steht in witzigem Kontrast zur intimen Atmosphäre im Inneren: dieses wird zu einer Art „Lounge“ mit nostalgischen Mitropa-Sitzgruppen und einer Küche umgestaltet, die einladen zum Austausch, zur Diskussion, zum Spiel, zum gemeinsamen Kochen und Essen. An den Wänden des Raumes werden Erinnerungsstücke von KünstlerInnen, GrätzelbewohnerInnen und BesucherInnen gesammelt und aufgehängt. Jeden Abend findet eine von künstlerischen und (sozial)wissenschaftlichen Gästen geleitete Publikumsdiskussion zu dem Thema „Migration&Intergration“ statt.
„Globalisierung ist die Bezeichnung für einen weltumspannenden Prozess der beschleunigten Veränderung des gesamten gesellschaftlichen und natürlichen Gefüges der Erde. Er erfuhr seine weltweite Ausdehnung bereits zu Beginn der Neuzeit (Kolonialisierung), führte zu immer katastrophaleren globalen Auswirkungen im 20. Jahrhundert und erlebt derzeit seine förmliche Überstürzung. Hauptmerkmale des Globalisierungsprozesses sind 1.) seine bewusste politische Herbeiführung (Neoliberalismus, Globalisierungspolitik) und 2.) seine aktuell entfesselte "Verselbständigung" (Zauberlehrlingseffekt), die oft als alternativlose "Naturgesetzlichkeit" erscheint oder ausgegeben wird (TINA - There is no Alternative - Syndrom).“ - Claudia von Werlhof. "Globalisierungswü(s)ten und Zivilisationspolitik"
„Wir müssen die zukünftige Organisation aller Lebensbereiche auf den Menschen hin ausrichten. Der Mensch muss im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, und nicht mehr wie gegenwärtig, die Wirtschaftskräfte alleine - isoliert.“ - Joseph Beuys. Jeder Mensch ein Künstler
[edit] 13. Forschung&Entwicklung: Plädoyer
für eine Basisstudie für soziotheatrale Arbeitsprozesse in Wien
Die Neuverortung soziotheatraler Kulturarbeit in Wien stellt eine spannende Herausforderung an die Kulturpolitik dar! Sie verlangt einerseits nach der Schaffung neuer, Ressortübergreifender Fördermodalitäten, die zur Integration der Mehrheitsbevölkerung in zeitgenössische Theaterprozesse führen und fordert andererseits eine wissenschaftlich fundierte Basisstudie soziokultureller Arbeit in Theorie und Praxis ein. Damit geht ein neu zu definierender, kommunal verankerter Kunst- wie Arbeitsbegriff einher, der – jenseits positiver Effekte für ausgewählte Zielgruppen – die Rückbindung brachliegender kreativer künstlerischer Potentiale in den gesellschaftlichen Prozess unterstützt.
Die Bedarfsstudie über soziotheatrale Handlungsfelder wäre von einem interdisziplinären ExpertInnenteam (Kultur- und TheaterwissenschafterInnen, SoziologInnen, SozialarbeiterInnen sowie repräsentative VertreterInnen von NOGs und Stadtteilinitiativen) zu erstellen und müsste auf Tiefeninterviews mit ausgewählten Zielgruppen über kulturelle Defizite und Wünsche aufbauen und konkrete Arbeitsvorgaben formulieren. Zu statistischen Neuerhebungen käme eine kritische Rezeption soziokultureller und soziotheatraler Ansätze seit den 70er Jahren, deren Adaptierung und Aktualisierung aussteht. Von Wichtigkeit wäre außerdem die Befragung und aktive Einbindung lokaler Initiativen aus der Sozial-, Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, aus Bereichen wie der Gebietsbetreuungen und betroffener NGOs, die sich mit MigrantInnen, AsylantInnen, Jugendlichen, Obdach- und Arbeitslosen, älteren Menschen und Behinderten beschäftigen.
Das Pilotprojekt „ENE MENE MUH“ und die in Entwicklung befindlichen Arbeitsformate der FLEISCHEREI verstehen sich als Beitrag zu einer Basisstudie für soziotheatraler Arbeit – keinesfalls als Ersatz dafür! Es stellt einen Testversuch dar für wachsende neue Aufgabenbereiche zeitgenössischer Theaterarbeit, die gesellschaftskritisch und fortschrittsorientiert ist.
ADDENDUM
1. Arbeitsmethoden & Theorien – Kurzübersicht 2. Künstlerisches Team FLEISCHEREI 3. Biografie Elfriede Jelinek / Notizen zum Werk 4. Elfriede Jelinek – Zu Person & Werk 5. Textbeispiele Charles Ofoedu & Magda Woitzuck
Note: The Addendum will be added on a separate page under the titel "ENE MENE MUH" - ADDENDUM to Concept 2006-2008 for a new "THEATER OF EMPOWERMENT".
Impressum: Dr. Eva Brenner FLEISCHEREI / Projekt Theater STUDIO phase 2 Kirchengasse 44, A-1070 Vienna tel/Fax +43/01) 524 07 38 office@experimentaltheater.com
